Erstmals umfassend, sämtlichen entsprechenden Textstellen im Werk des jüdischen Sozialphilosophen Martin Buber nachspürend, weist Marion Maja Glozober in ihrer Dissertationsschrift nach, dass die Liebe (Menschenliebe, Gottesliebe, Liebe zwischen Mann und Frau, Nächstenliebe, Feindesliebe) im Werk Bubers den „Kern seiner dialogischen Lebens- und Denkrichtung“ (S. 316) bildet. Ausgangspunkt ist ihr Hinweis, dass mitnichten eine allgemeine Übereinkunft, auch nicht in den Wissenschaften, darüber besteht, was unter ,Liebe’ eigentlich zu verstehen ist und eine allgemein anerkannte Definition nicht vorliegt, obgleich die Liebe zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört.
Von Siegbert Wolf
Dass Liebe mehr ist als ein Gefühl, entfaltet die Autorin vorrangig anhand von Martin Bubers 1923 vorgelegtem dialogphilosophischen Hauptwerk „Ich und Du“, an dem er mit Unterbrechungen seit 1916 gearbeitet hatte: „Der ganze dialogische Ansatz bildet die Voraussetzung, um Liebe bei Buber überhaupt zu erfassen.“ (S. 317) Tief verwurzelt in der Geistesgeschichte, die „nicht erst mit dem Dialogismus im 20. Jahrhundert von ihm selbst, Franz Rosenzweig und Emmanuel Levinas […] begonnen hat […] können durchaus verschiedene , manchmal einander berührende Traditionsstränge bei Bubers Liebesgedanken vorausgesetzt werden.“ (S. 28f.) Gemeint sind etwa die griechische und die jüdische Philosophie, die Hebräische Bibel sowie mystische Traditionen. Ergänzend erwähnt Marion Maja Glozober noch die Philosophen Immanuel Kant und Georg Simmel, Bubers universitärer Lehrer in Berlin, sowie die befreundet Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé, die 1910 in der von Buber herausgegebenen Reihe „Die Gesellschaft“ den Band „Die Erotik“ veröffentlichte. Zudem ist Bubers Sprache zutiefst geprägt vom Chassidismus, jener osteuropäischen jüdisch-mystischen, im 18. Jahrhundert entstandenen Erweckungsbewegung.
Den Blick auf die Liebe gerichtet und ausgehend von den beiden Grundworten in Bubers Dialogphilosophie, „Ich – Du“ und „Ich – Es“, betont Marion Maja Glozober schlüssig, dass das Du der Liebe „strukturell als Gegenüber auch das Du der dialogischen Beziehung“ (S. 32) umfasst. Die „Ich-Du“-Beziehung weise in ihrer Beziehungskraft Liebesbereitschaft und Liebesfähigkeit auf, die unmittelbar, gegenseitig und ausschließlich sei und „erfahre dabei die Liebe als welthaftes Wirken und als Voraussetzung eines Ich für ein Du.“ (S. 33) Lasse sich auch eine deutliche Verbundenheit von Liebe und Dialogik festhalten, dürfe allerdings, wie die Autorin betont, keineswegs deren Gleichsetzung erfolgen: „Die Dialogik stellt die Struktur bzw. den Modus für die Liebe dar, und die Liebe selbst bedeutet den Inhalt bzw. die Substanz.“ (S. 43) Neben „Ich und Du“ weist Marion Maja Glozober zusätzlich auf Bubers 1942 erstmals erschienenes Werk „Das Problem des Menschen“ hin, eine Fortschreibung seiner philosophischen Anthropologie seit „Ich und Du“, in dem er sich mit dem wesenhaften Wir beschäftigte, das er als gleichberechtigtes Grundwort neben Ich, Du und Es stellte. Dieses wesenhafte Wir sei wie eine Ich-Du-Beziehung angelegt, da das Wir das Du potenziell einschließe. Im Verhältnis zur Liebe bedeute dies, so die Autorin, dass „eine Ich-Du-Beziehung auch zu einer Vielheit der Menschen möglich ist. […] Dieses wesenhafte Wir ist kein Wir im Sinne der Addierung von Ich und Du, sondern ein Wir im Sinne von vielen einzelnen Ichs und vielen einzelnen Dus, die in Verbundenheit miteinander leben. Die Liebe ist die Voraussetzung für die Realisierung eines Wir.“ (S. 199) Das gemeinschaftliche Wir gründet zugleich auf dem Verhältnis von „Ich und Du“ als kleinster Einheit der Gemeinschaft.
Buber unterschied deutlich zwischen Liebe und (Liebes-)Gefühlen, zwischen der Wirklichkeit der Liebe als einem metaphysischen und metapsychischen Faktum und den Gefühlen, denen er den Status der Unwirklichkeit zuteilt. Bei Buber heißt es dazu in seiner zutiefst von der Gedankenwelt seines Freundes Gustav Landauer affizierten Dialogphilosophie: „[.. ] die wahre Gemeinde entsteht nicht dadurch, dass Leute Gefühle füreinander haben (wiewohl freilich auch nicht ohne das), sondern durch diese zwei Dinge: dass sie alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen und dass sie untereinander in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen“ (Ich und Du. In: MBW 4, S. 47). Aus dieser „lebendig gegenseitigen Beziehung“ baue sich die Gemeinschaft auf, „der Baumeister ist die lebendige wirkende Mitte“ (ebd. S. 47f.). Allein die „Gemeinsamkeit der Beziehung zur Mitte“ gewährleiste „den echten Bestand der Gemeinde.“ (ebd. 116f.).
Schlüssig arbeitet die Autorin heraus, dass sich Liebe für Buber nicht im Ich verortet, sondern stets zwischen Du und Ich als ein „dialogisches Beziehungsgeschehen“ (S. 221). Träger der Liebe sind das Ich und das Du. Zugleich ist Liebe welthaftes Wirken und welthafte Verbundenheit. Welthaftigkeit charakterisiert die Du-Welt. Gleichgültigkeit, nicht Hass, als Gegenteil von der Liebe, verhindere zwischenmenschliche Beziehung: „Das Grundwort Ich-Du zu sprechen wie auch die Liebe bedeutet Bejahung des anderen Wesens.“ (S. 224) Den Anderen in seiner Andersheit zu erkennen und zu bejahen könne in eine unmittelbare Beziehung führen, wobei die Liebe nun keineswegs in der unmittelbaren Beziehung verharren kann. Sie besteht, so Buber, im Wechsel von Aktualität und Latenz, wobei das Du in seinem Wesen uns stets Du bleibt und dadurch wiederum das Ich an Beziehungskraft reift.
An dieser Stelle führt Marion Maja Glozober den Begriff der Verantwortung bei Buber ein. Verantwortung als größte Tat der Liebe sei kein inneres Gefühl, sondern eine ethische Kategorie und daher nicht zu verwechseln mit bloßer Fürsorge. Es gehe darum, menschliche Gleichheit auf gegenseitiger Augenhöhe zu verwirklichen. Voraussetzung, um mit einem Mitmenschen von Gleich zu Gleich zu reden, sei die Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen. Erst danach könne der Mensch ein vollkommenes Wesensverhältnis zum Gegenüber, zum anderen Selbst entfalten. Verantwortung zu leben bedeutet verantwortlich zu handeln, damit ist Verantwortung ein dialogisches Geschehen. Verantwortung für den Anderen und die Schöpfung impliziert die Hinwendung zu einem Du, wodurch die Umfassung – die Autorin spricht von „welteinwirkender Tat der Umarmung (S. 433) – als dialogische Grundbewegung als Aufgeschlossensein für jemand Anderen zu würdigen ist. Die jedem Menschen anvertraute Schöpfung benennt Buber als „Weltkonkretum“ (S. 448).
Was nun, so fragt die Autorin, steht der Liebe, als Teil der Dialogik, im Wege, was erschwert ihre Entfaltung?: „Eine Schwierigkeit zu lieben kann trotz aller Haltungsänderung und trotz Achtung und Respekt gegenüber anderen Menschen möglich sein.“ (S. 368) Für Buber sind alle Hindernisse der Liebe letztlich überwindbar: „Es ist der Glaube an die Liebe in der Welt und die Liebe selbst, die wirkliche Welt, die sich nie aufheben lassen will.“ (S. 382). Neben der Liebe gehören für Buber die Gerechtigkeit und die Wahrheit zu den ewigen Werten, „schwergewichtige Worte“, so die Autorin, „die für das Ich, für das endliche Du und das ewige Du anzuwenden sind.“ (S. 414) Letztendlich ziele Buber auf eine Erneuerung und Erlösung der Welt, der Weg dorthin führe über Frieden, Gerechtigkeit und Liebe. Dies umfasse Bubers Humanismus – ein Hebräischer Humanismus, der sich an einer Renaissance des Judentums ausrichtet und gleichzeitig zum inneren Wachstum jedes Einzelnen als Voraussetzung des gesellschaftlichen Wandels aufruft: „Eine Transformation in diesem Sinn gelingt für Buber […] nur mit Menschen, die selber eine Transformation durch die Liebe erfahren und umsetzen.“ (S. 439)
Marion Maja Glozober gelingt mit ihrer Studie eine gründliche, differenzierte und eindrucksvolle Abhandlung zum Thema Liebe bei Martin Buber. Überzeugend vermag sie nachzuweisen, dass sich die Liebe, auch die erotische Liebe und Sexualität, „als ein überaus relevantes Sujet im Denken Bubers“ (S. 316) erweist. Damit schließt sich eine beträchtliche Lücke in der Buber-Forschung.
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