Ulrich Schoenborn

Selbstermächtigung oder Einfühlung

Edith Steins frühe Philosophie und der historische Kontext

AD FONTES Studien zur frühen Phänomenologie Band 18

Rezension


Der evangelische Theologe Ulrich Schoenborn hat mit „Selbstermächtigung oder Einfühlung“ ein wichtiges Werk zur Einordnung der Philosophin Edith Stein in den Kontext der Philosophie ihrer Zeit vorgelegt. Wie findet der Mensch zu sich selbst? Indem sich der Mensch aus eigener Autonomie selbst setzt, erfindet, konstruiert? Oder indem er sich in die Gegebenheiten des Lebens, in die Anderen, in die Wirklichkeit einfühlt? Kann der Mensch zu sich selber finden, ohne dabei zu den Menschen zu finden, ohne zu Gott zu finden? Ist Selbstfindung daher nur in Beziehung zur Umwelt und gegebenenfalls zur Transzendenz möglich. Oder entstehen Umwelt, Mitmensch und Transzendenz erst aus der Selbstermächtigung des autonomen Menschen?

Im Mittelalter war man sich noch sicher, wie diese Fragen auf Grundlage eines biblischen Gottes- und Menschenbildes zu beantworten wären. Mit der anthropologischen Wende von Neuzeit und Aufklärung kam diese Sicherheit aber abhanden. Nicht mehr die Objektivität Gottes stand im Zentrum der Selbst- und Weltwahrnehmung, sondern die Subjektivität des Einzelnen. Ein garstig breiter Graben (Lessing) tat sich zwischen Glaube und Vernunft auf, ein Weg wurde beschritten, der konsequent nur in die Verzweiflung (Kierkegaard) führen konnte. Wirklichkeit wird zu einem Bündel von Fragmenten, der Zwang zur Individualisierung führt zur Überforderung und dem Erleben von Fremdbestimmung. Die Subjektivierung wird zur unerträglichen Mühsal man selbst sein zu müssen, diese Qual versucht man entweder durch Selbstflucht, oder durch Selbstsorge zu lindern.

Ulrich Schoenborn stellt nun zwei Betrachtungsmöglichkeiten gegenüber, die Selbstermächtigung, in der jede Letztbegründung allein vom Ich ausgeht, und im Gegensatz dazu, die Einfühlung, welche das Gegebensein von Welt, vom Anderen und auch vom Ganz Anderen akzeptiert. Werde ich nur durch mich selbst zur Person, oder werde ich nur in Beziehung zum Anderen zur Person? Geht es im Leben letztlich um Autonomie, oder um Empathie? In der Selbstermächtigung wird gesagt, was ich sage und gehört, was ich höre. Welt ist, was ich konstruiere. Kommunikation und Gemeinschaft wird zu einem vorübergehenden und flüchtigen Zweck. Kommunikation ist der Austausch zwischen mehreren Ichs. Ethik ist Zweck. Objektive Wahrheit gibt es nicht, wahr ist, was mir entspricht. Zu akzeptieren ist nur was sich im inneren „Ego-Tunnel“ befindet. Muss der Mensch und die Menschheit auf diese Weise nicht letztlich seelisch krank, oder zu Nietzsches Übermenschen werden?

Schoenborn führt mit eleganten Strichen durch die neuere deutsche Geistesgeschichte und fragt auf welche Weise Edith Stein dazu Stellung bezog. Er beginnt seine Reise auf der Suche nach dem Selbst mit Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), die er sehr gelungen dazustellen weiß. Vielleicht etwas zu schnell landet er bei der Lebensphilosophie der deutschen Jugend um 1900. Das Leben der Alten sei erstarrt, es brauche Veränderung, Brüche, Katastrophen. Oder wie es der Psychiater Fritz Künkel ausdrückte: „Leben heißt Subjekt sein, Subjekt sein heißt sich entscheiden, entscheiden heißt in der Krise stehen.“ Die Lebensreform wollte dem erstarrten Leben neue Gestalt geben. Den Exodus aus dem bürgerlichen Gefängnis wagen. Die „wilden Gesellen“, die „Erwählten“ wollen im freien Selbst das „fremdbestimmte man“ hinter sich lassen. Wie „Fidus“ zum freien Menschen werden, welcher der Maxime Nitsches folgt: „Lebe gefährlich.“ Folge dem „Willen zur Macht“ und sei „Elite“.

Dies kam an, bei einer Jugend in „metaphysischer Obdachlosigkeit“. Was du suchst, findest Du im Diesseits, Religion in der Naturfrömmigkeit des Wandervogels. Es folgten das Gefühl nationaler Erwählung und die Sehnsucht nach dem Heldentod. Selbstfindung wurde zur Selbsthingabe im Opfer an die Nation. So zogen sie 1914 in die Schlachtfelder des ersten Weltkrieges, um 1918, so sie denn noch lebten, als gebrochene Existenzen wieder hervorzukriechen. Schoenborn dokumentiert Stimmung und Erfahrung dieses Umbruchs durch hervorragende Gedichte und Bilder der Zeit.
Schon bald verschwand die unmittelbare Nachkriegsdepression und der Begriff „Kampf“ trat neu aufs Parkett der Gesellschaft. Der Sport wurde zum Wettkampf, auf der Kampfbahn und auch das spirituelle Leben wurde zum geistlichen Kampf, welcher nun Rüsttage brauchte. Zu einer Ikone der Zeit wurde ein alter Kupferstich von Albrecht Dürer „Ritter, Tod und Teufel“ (1513). Der einsame Ritter wurde zum Bild des „Dennoch“. Der Krieg war verloren, die Reichswehr bedeutungslos, der Staat pleite. Dennoch, der Kampf noch nicht vorbei. Eine verbreitete Stimmung auf welcher der Nationalsozialismus aufbauen konnte. „Wir sind die Ketzer und die Frommen; das Heut, das Gestern und das große Kommen“ (Baldur von Schirach). Das Individuum gab seine Selbstwerdung, Selbstfindung und Selbstgestaltung nicht auf, verknüpfte diese jedoch mit der Gemeinschaft, der Volksgemeinschaft und damit auch mit dem Führer.

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das „Eis“ zu einem neuen Faszinosum. Die Eiszeit, die Erforschung der Pole, die krude Weltanschauung der Welteislehre von Hanns Hörbiger (1860–1931). Der Held der Stunde war der einsame Polarforscher, der die „überhitzte Bürgerstube“ hinter sich ließ, der sich von Kultur und Zivilisation zu lösen vermochte. Gut war, was kalt war. Der Einzelne fand sich wieder in einer Gesellschaft von Erkalteten. Auf das Individuum müsse gesetzt werden, an einen Gott könne nicht mehr geglaubt werden. Der Krieg war der schlagende Beweis, der Himmel ist kalt und leer. Der Einzelne steht für die kalte Person, die mit Klarheit durch das Leben geht. Und der Sinn des Lebens besteht darin, dieses zu beherrschen. Der Mensch habe sich im Kältebad des Intellekts zu stählen und die Aufgaben des Tages zu erfüllen. Nicht der laue Sommer liegt vor uns, sondern die eiskalte Polarnacht. Das Ideal des Wissenschaftlers liegt in kalter Sachlichkeit. Der Autor führt diese Gedanken der Neuen Sachlichkeit am Beispiel von Max Weber (1864-1920) vor. Die Neue Sachlichkeit lehnt jede Flucht in Religion oder Esoterik ab. Es geht nicht um Kunst, sondern um die Sache. Nicht um Ästhetik, sondern um Nützlichkeit. Der sachliche Mensch ist nicht technikfeindlich, er hinkt der Zeit nicht hinterher, er geht mit. Er treibt die Produktivität durch Technik voran.

Schoenborn bringt einige Gedichte von Bert Brecht (1898-1956) in denen er sich mit dem „Kälte-Geist“ seiner Zeit beschäftigt. Auch die Kunst der Neuen Sachlichkeit, z.B. bei Max Beckmann oder Otto Dix löst sich vom Expressionismus und zeigt die heroisch-realistische Inszenierung der „Ich-Existenz“. Kälte und Technik werden zum Markenzeichen. Auch das Bauhaus folgte diesem Denken. Die „kalte“ Wohnung sollte einen therapeutischen Effekt mit sich bringen, den Menschen von der Überreizung durch Vergangenheit und Gegenwart befreien. Letztlich scheiterte die Neue Sachlichkeit an sich selbst, indem sie die Wirklichkeit mit ihrem Bild der Wirklichkeit verwechselte. Oder wie es Joseph Roth sagt: Die Neue Sachlichkeit verwechselt die Sachen mit den Schatten, die sie werfen. Ulrich Schoenborn kommt zu dem Schluss: Menschen, die auf den Kälte-Habitus setzen, betonen das eigene Selbst und überschätzen nicht nur ihre eigene Arbeitskraft, sondern überfordern sich zwangsläufig auch damit. Wer immer auf Hochtouren läuft, brennt irgendwann aus.

Um sich davor zu schützen, muss das kalte-Ich weiter vereisen. Es stellt nicht mehr seine Aufgabe in den Mittelpunkt, sondern das große Ganze indem es sich zu vergessen sucht. Ethisch handeln heißt seine Pflicht leisten wie ein Soldat oder Sportsmann. So verschwimmt die Selbstwerdung mit national-konservativen und völkischen Visionen und landet schließlich im Totalitarismus. Eine Jugend im Protest gegen die Väter wählt den Nationalsozialismus. Anstelle der christlichen Hoffnung tritt ein irdisches Millennium, das tausendjährige Reich, eine neue Form der Gnosis. Aus christlicher Nächstenliebe wird ein „uns ist alles erlaubt.“ Die Welt zerfällt in Freund und Feind, der Krieg wird zur natürlichen Haltung.

Man mag darüber streiten, ob die zahlreichen Belege, die Schoenborn aus Kunst, Kultur und Wissenschaft zusammenträgt, tatsächlich stringent aus dem Suchen Herders und Fichtes abzuleiten sind und inwieweit sie dem Zeitgeist der breiten Masse in den zwanziger und dreißiger Jahren entsprechen. Nicht weniges was der Autor jedoch herausarbeitet, ist durchaus auch bei Menschen der Gegenwart zu finden.

Im weiteren Teil seiner Arbeit befasst sich Ulrich Schoenborn mit der Frage was unter der Phänomenologie des Philosophen Edmund Husserl zu verstehen ist und wie die junge Studentin Edith Stein zu dieser philosophischen Richtung fand. Edith Stein hatte zunächst etwas richtungslos 1911 in Breslau zu studieren begonnen. Germanistik und Geschichte auf Lehramt war die Idee, ihre heimliche Leidenschaft, die neue Wissenschaft der Psychologie. Schließlich fand sie über die Schriften Edmund Husserls zur Philosophie. Ihre erste Lektüre waren die „Logischen Untersuchungen“ in der Fassung von 1900. Ihre Kommilitonen spotteten: „Alle Mädchen träumen vom Busserl, nur Edith will den Husserl.“

Edith Stein selbst sagte, sie hätte in der Phänomenologie von Husserl ihre philosophische Muttersprache gefunden. 1913 wechselte sie an die Universität Göttingen, an welcher der verehrte „Meister“ lehrte. Die Phänomenologie war angetreten, um die „Dinge“ zu sehen wie sie sind, frei von der subjektiven Bewertung des Betrachters. Es sollte durch strenge Wissenschaft Objektivität gewonnen werden. Das führt zu der Schwierigkeit, ob ein Gegenstand von sich aus so ist, wie ich ihn sehe? Die „Sache“ also über ein eigenes „Wesen“ verfügt, oder ob die „Sache“ allein durch meine Wahrnehmung zur Wirklichkeit wird. Husserl hatte sich mittlerweile von seinen eigenen Thesen entfernt, kritische Schüler warfen ihm vor in den Idealismus zurückzufallen, unter ihnen nicht wenige, für welche die Phänomenologie zur Sachlichen Begründung eines religiösen Glaubens wurde.
Sein Assistent Adolf Reinach leitete in Göttingen den Husserlkreis und gab auch Einführungsseminare in die Phänomenologie. Edith Stein hatte anfangs wohl mehr mit Reinach zu tun, denn mit Husserl selbst. Sie erlebte die religiöse Kehre des Ehepaars Reinach und litt unter dem Tod (1917), des zum Freunde gewordenen Lehrers, im ersten Weltkrieg. Die Haltung der Witwe erwies den christlichen Glauben als tragfähig. Von nun an sollte Edith Stein nicht mehr aufhören sich mit religiösen Fragen zu beschäftigen. Gleichzeitig hatte sie vom Philosophen Max Scheler gelernt, dass nicht nur kognitive Fähigkeiten zum Erkenntnisprozess gehören, sondern auch die Liebe.
1916 war Husserl an die Universität nach Freiburg gewechselt, Edith Stein folgte ihm mit dem Wunsch bei ihm zu promovieren. Dies sollte noch im selben Jahr geschehen. Von 1916-1918 war sie seine wissenschaftliche Assistentin. Ulrich Schoenborn zweifelt daran, ob der „Meister“ ihre Arbeit „Zum Problem der Einfühlung“ überhaupt gelesen hat, da keine kritische Stellungnahme von ihm zu den Thesen Steins überliefert ist. Stein ist in ihrer Arbeit dem Denken des frühen Husserl verpflichtet, scheint seine späteren Entwicklungen weder mitvollzogen, noch kritisiert zu haben. 1919 kam es zur Enttäuschung, da er ihre Habilitationspläne ablehnte. 1922 erbat sie die Taufe, die ihr wegen ihrer hohen religiösen Bildung umgehend gespendet wurde.

Ulrich Schoenborn verbindet auf elegante Weise die frühe Geschichte der Phänomenologie mit der Biographie der jungen Edith Stein. Als evangelischer Theologe will er die im katholischen Milieu bekannte Stein auch protestantischen Kreisen näherbringen, welche die Christin, jüdischer Herkunft bisher kaum wahrgenommen haben dürften.

In einem weiteren Schritt nähert sich Schoenborn der Dissertation Edith Steins, welche er für unvollständig überliefert hält, zunächst unterscheidet er geistesgeschichtlich zwischen den Begriffen Einfühlung und Empathie. Er setzt sich mit der phänomenologischen Methode der Literatur-Askese auseinander und versucht die ursprüngliche inhaltliche Gliederung der Arbeit in Anlehnung an Antonia Sondermann (Sachbearbeiterin der Dissertation in der Reihe ESGA) wieder herzustellen.
Die Arbeit ist zuallererst im Sinne Husserls eine Auseinandersetzung mit den Thesen des Philosophen Hans Lipps, setzt allerdings bereits bei Johann Gottlieb Herder an und führt zu den Gegenwartsphilosophen Max Scheler und Hugo Münsterberg.
Der Mensch ist ein in sich selbst verkrümmtes Wesen. Erst in der Begegnung mit dem Anderen entsteht eine Tür zu mir selbst. Der Andere bleibt bei Stein allerdings letztlich in der Schwebe, weder folgt sie dem neuen Idealismus Husserls, noch erklimmt sie eine religiös-ontologische Deutung. Einige Passagen in ihrer Arbeit übernimmt sie, ohne Referenz, von Max Scheler, welcher sie deshalb des Plagiats bezichtigte. Stein entschuldigte sich in einem Brief an Scheler, sollte sie Gedanken von ihm ohne Kennzeichnung übernommen haben, so sei dies unbewusst geschehen. Wo immer sie sich Schelers bewusst gewesen sei, hätte sie ihn auch benannt.

Leben heißt Person werden, solange wir leben bleibt dieser Prozess unabgeschlossen. Nur wer sich selbst als Person, als sinnvolles Ganzes, versteht, ist in der Lage andere Personen zu verstehen. Einfühlung beginnt, wo das reine Ich dem Anderen begegnet. Aber die zwei werden niemals eins. Einfühlung ist keine Einsfühlung. Die Reflexion des Ichs über den Anderen führt zur Selbstwerdung. Stein kennt die Seele, nutzt sie in einem philosophischen Sinn, kommt aber nicht zur Klärung des Leib-Seele Problems. Schoenborn schließt daraus, dass Stein sich wohl einiger Themen bewusst war, über welche sie in der Dissertation allerdings schlicht hinwegging. Sie hält sich an die Vorgaben ihres Lehrers Husserl und stellt sich der Gottesfrage noch nicht. Beides sollte sich in den kommenden Jahren ändern.

Edith Stein blieb noch bis 1918 Assistentin Husserls. In dieser Zeit arbeitete sie an Husserls „Ideen II“. Passagen dieses Werkes, welches erst 1952 im Druck erschien, stammen aus der Feder Edith Steins, wenngleich natürlich hier und da von Husserl nochmals überarbeitet.

Mit der Taufe 1922 wurde sie katholische Christin und fand zugleich immer tiefer in ihr Jüdischsein zurück. Sie fühlte sich geborgen in Gott, frei von allem körperlichen oder intellektuellen Leistungsdruck. Sie konnte Gott erkennen, da dieser frei von jedem irdischen Erwartungsdruck ist. Sie arbeitete als Lehrerin, als Dozentin, trat in den Karmel ein, schrieb wichtige Werke und erlitt schließlich das Martyrium. Sie starb als getaufte Jüdin, da die Kirche nicht gegen das Unrecht geschwiegen hatte.

„Sie ahnen nicht, was es für mich bedeutet, wenn ich in die Kapelle komme und im Blick auf den Tabernakel und auf das Bild Mariens mir sage: sie waren unseres Blutes.“ „Leiden und sterben muss jeder Mensch. Aber wenn er lebendiges Glied am Leibe Christi ist, dann bekommt sein Leiden und Sterben durch die Gottheit des Hauptes erlösende Kraft.“ In „Endliches und Ewiges Sein“ schreibt sie: „Hingabe zielt auf Einswerden, sie kommt erst zur Vollendung durch Annahme von Seiten der geliebten Person. Und nur so kann die Liebe auch volles Jasagen sein, weil eine Person sich der anderen nur in der Hingabe erschließt. Nur im Einswerden ist eigentliche Erkenntnis von Personen möglich. Die Liebe in der höchsten Erfüllung schließt also die Erkenntnis ein.“
So wird aus wechselseitiger Hingabe erfüllte Einfühlung.

Klaus Mass


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