"Was halten Sie von der Religion?" Normalerweise wird diese Frage im Rahmen von quantitativen wissenschaftlichen Erhebungen zur Religiosität gestellt. Die Resultate derartiger Untersuchungen fallen in der Regel so aus: Es wird eine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben festgestellt, bei einem gleichzeitig schrumpfenden "harten Kern" derjenigen, die an traditionellen religiösen Inhalten festhalten. Die Anteile der einzelnen Gruppierungen lassen sich dann übersichtlich in Prozentzahlen und Diagrammen darstellen.
Doch wie viel geht bei solchen Untersuchungen verloren! Man erfährt z.B. nichts über die Brüche in Biographien, die Menschen vom Glauben abfallen lassen. Ebenso wenig interessieren die Begründungen derjenigen, die sich trotz allem nicht von der Religion abwenden.
Gerhard Wittenberg und Matthias Graff helfen dabei, diese Lücke zu schließen. Sie haben eine Textsammlung herausgegeben, in der fast 60 Menschen zu Wort kommen und über Ihre Einstellung zur Religion Auskunft geben. Die Beiträge der einzelnen Personen erstrecken sich in den meisten Fällen über eine Länge von zwei bis vier Buchseiten. Wittenberg und Graff haben sie jeweils in Rubriken eingeordnet, die sie in einem Spektrum aufreihen: von deutlicher Ablehnung der Religion über bspw. Kritische Akzeptanz und weitere Kategorien bis hin zu unbedingter Bejahung. Die meisten befragten Personen wohnen in Deutschland, doch es finden sich auch Menschen aus dem europäischen Ausland. Obwohl das Christentum in seinen verschiedenen Ausprägungen den religiösen Hintergrund der meisten Befragten darstellt, sind z.B. auch der Islam und der Buddhismus vertreten.
Was kommt in den Texten zur Sprache? Das ganze Kaleidoskop an Einstellungen, Urteilen und Fehlurteilen, Angriffs- und Abwehrstrategien, welches Menschen an den Tag legen, wenn sie ihre Haltung zur Religion offenlegen. Besonders nahe gehen die Schilderungen von Lebenskrisen, in denen der Religion heilsame Wirkungen oder eben auch das Fehlen derselben attestiert wurde. So berichtet etwa eine Frau davon, wie sie - an Krebs erkrankt - in einer onkologischen Tagesklinik auf gläubige Mitpatienten traf, denen es aber wider Erwarten seelisch nicht besser ging als ihr selbst. Ein im katholischen Milieu aufgewachsener Mann erinnert sich an seine Kindheit und die damals durchlittene Furcht, beim Beichten eine Sünde zu vergessen - denn ihm war beigebracht worden, dass diese Sünde damit zur Todsünde wurde. Abgesehen von derartigen biographischen Bezügen kommen auch ganz objektive Argumente zum Tragen: so etwa die Einsicht, dass die Kirchen nach wie vor eine tragende gesellschaftliche Rolle spielen - zum Beispiel im sozial-caritativen Bereich. Darüber hinaus legen Menschen auch überzeugend dar, dass es keineswegs irrational ist, am Gottesglauben festzuhalten.
Die beiden Herausgeber verfolgen mit ihrer Sammlung ausdrücklich kein wissenschaftliches Interesse. Wie die meisten Befragten sind sie keine Fachtheologen: Wittenberg ist Arzt, Graff ist Altphilologe. Dennoch sind in dem Buch viele Beiträge zu finden, die von einer tiefen philosophischen bzw. theologischen Reflexion zeugen. Sie zeigen, dass die Einstellung zur Religion in hohem Maße durch biographische Einflüsse geprägt ist, sich aber durch Nachdenken auf eine höhere Ebene heben kann - ob das Resultat nun pro oder contra Religion ausfällt. Vor diesem Hintergrund ist es sehr fruchtbar, dass die beiden Initiatoren die Sammlung mit ihren eigenen Beiträgen abrunden. Insbesondere Gerhard Wittenbergs ausführlicher Text beleuchtet in Schlaglichtern wichtige Wegmarken in der philosophischen, theologischen, aber auch soziologischen Auseinandersetzung mit dem Thema "Religion".
"Was halten Sie von der Religion?" - ein jederzeit flüssig zu lesendes, gut verständliches, zugleich höchst inspirierendes Buch. Diese Textsammlung kann als notwendige Ergänzung und Vertiefung empirischer Untersuchungen herangezogen werden. Nicht zuletzt regt sie dazu an, die Ausgangsfrage selbst zu beantworten und sie anderen Personen vorzulegen.
Michael Großmann
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