Seit Martin Luther können die Gemeinden wieder wissen, dass Kirche da ist, wo Gottes Wort gepredigt und geglaubt wird.
Der Ort der Kirche kann also überall sein, denn der Geist weht, wo er will. Christen haben immer wieder gut daran getan, wenn
sie ihre Zelte nicht auf Ewigkeit gebaut haben.
Doch haftet der Anker auf Erden, und da, wo der Glaube wächst und wachsen will, wächst er mit den Verbindlichkeiten und in den
Strukturen, die sich Menschen schaffen, um sich auf Erden einzurichten und nicht nur für den Augenblick zu leben, sondern in und
mit Generationen. Sie erbauen sich Kirchen als Orte, um von dort Gott die Ehre zu geben.
So haben etwa seit dem Mittelalter in Europa karolingische Herrschafts- und Siedlungsstruktur, sowie dann ottonisches Expansionsstreben
für den festen Zusammenhang von Kirchengebäuden und Gemeinden gesorgt, von deren parochialer Struktur die Kirchen zwar bis heute noch
zehren, aber unter der sie seit den Mobilisierungsschüben der Moderne auch zu leiden haben.
In den lokalen Zusammenhang gehören nicht nur die fest in der Erde gemauerten Kirchen, sondern seit Jahrhunderten schon Orgeln,
um den Lob- und Bittgesang der Gemeinden empor zu tragen.
So ist es für den Südharz mit seiner überwiegend noch parochial verfassten evangelischen Kirchlichkeit eine gute Fügung, dass hier
seit nunmehr über vierzig Jahren Hans Ulrich Funk als gelernter Orgelbauer und studierter Kirchenmusiker wirkt, der sich in einer
äußerst glücklichen Verbindung von Engagement und Sachverstand der Orgel in seiner Kirche und schließlich auch Instrumenten im
ganzen Südharz und weit darüber hinaus in Mittel- und Norddeutschland angenommen hat.
Dabei folgte und folgt er nicht einem abgehobenen Plan, sondern er stellt sich in eine regionale Orgelbaugeschichte, die vom
Hauptort seines Wirkens, Herzberg am Harz, ihren Ausgang genommen hat.
In Herzberg existierte von 1829 bis 1880 die Werkstatt des aus Sachsen-Anhalt stammenden Orgelbauers Andreas Engelhardt, von deren
Orgeln noch weit über vierzig bis heute erhalten sind.
Funk hat akribisch dem Werk Engelhardts nachgeforscht, nachgedacht und ggf. nachgebaut, indem er sich auf fast jede der noch
erhaltenen Orgeln eingelassen und deren Renovierung bzw. Erweiterung jeweils maßgeblich vorangebracht, ja in vielen Fällen sogar
durch eigene kreative Arbeit vervollkommnet hat.
Seine Ausdauer hat es ihm nunmehr auch ermöglicht, seine Kenntnisse als gelernter Orgelbauer und sein akademisches Studium als
Kirchenmusiker in eine umfassende Monographie mit zahlreichen Renovierungsprotokollen und Bildmaterial einzubringen, in der er
den Herzberger Orgelbauer Engelhardt und dessen Werk vortrefflich würdigt.
Mit Engelhardt verbindet ihn die Liebe zur Orgel, eine Liebe, die bei Ulrich Funk den Respekt vor dem Instrument, vor dessen
Tradition und vor dem Gottesdienst und seiner Liturgie mit einschließt.
Funk war indes für das vorliegende Buch gezwungen, den Geist Engelhardts nur aus dessen handwerklichen Zeugnissen, also aus den
Orgeln selbst erschließen zu können, Schriftliches zu diesem Geist und den Engelhardtschen Orgeln, wie auch Näheres zu den
Lebensumständen in Familie und Werkstatt liegen bis heute nicht vor.
Die orgelbaulichen Details und den handwerklichen Durchgang von der Erbauung bis zur letzen Renovierung der jeweiligen Orgeln
mögen die einschlägigen musikwissenschaftlichen Rezensionsorgane näher einordnen und würdigen; für das Jahrbuch der Gesellschaft
für Niedersächsische Kirchengeschichte dürfte der hier regional verdichtete Zusammenhang zwischen Geschichte, Kirchengeschichte
und Geschichte des Orgelbaus von besonderem Interesse sein.
In die Zeit Engelhardts, bzw. seiner Werkstatt in Herzberg von 1830 bis 1880 fällt insbesondere in den erstarkenden Landeskirchen
des Königreichs Hannover und des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel eine Konjunktur im Kirchenneubau und im daran anschließenden
Orgelbau. Die neugewonnene Prosperität der feudalen Herrschaften geht auf die wirtschaftliche Zunahme durch Industrialisierung und
insbesondere durch Bergbau und Verhüttung im Harz zurück.
Repräsentative Kirchenbauten und diesem Repräsentationsbedürfnis angemessene Orgeln sollten dem Ruhm des Landesherren und
selbstbewusster werdenden (nach 1848) Gemeinden dienen.
Funk berührt in einigen Renovierungsprotokollen, wie sich die Aufwertung der Gemeinde im Gegenüber zum Pfarramt (seit der Einführung
der Kirchenvorstände) auch im Orgelbau spiegelt, wenn diese etwa für den liturgisch eingeführten Wechselgesang um Manuale erweitert
wurden.
Dabei unterschlägt er die Spätfolgen gemeindlichen Selbstbewusstseins nicht und referiert, wie ein Kirchenvorstand dem Umbau seiner
Orgel aus Gründen der Besitzstandswahrung nicht zustimmen wollte.
Orgelbau und Orgelrenovierung, das zeigen nahezu alle Protokolle, sind indes nie nur eine „Maßnahme von oben“, sondern verdanken
sich auch dem Engagement von Kirchen- und Dorfgemeinden, späterhin auch kommunaler Institutionen, wie etwa der regionalen Sparkassen.
Orgelbau und Renovierung sind stets ein von der ersten Sichtung über Planung und Mittelbeschaffung bis zur Beauftragung von Firmen
und der endgültigen Abnahme durch Sachverständige ein administrativer und kirchenpoltischer Prozess, der umso besser gelingt, je
mehr sich gemeindliches, kirchliches und musikalisches Interesse miteinander verbinden. Hans Ulrich Funk, Solist an der Orgel,
Begründer der Herzberger Kantorei, Orgellehrer und Komponist, war und ist bis heute federführend sachverständig mit solchen Prozessen
verbunden. Sein Rat und seine Kollegialität sind weit über die regionalen Grenzen seiner Haupttätigkeit hinaus gefragt und geschätzt.
Renovierung bedeutet für ihn, die Intention Engelhardts schöpferisch in der Arbeit am vorgefundenen Werk mit den neueren und neuesten
Erkenntnissen aus Orgelbau und aus der Orgelkunst umzusetzen.
Renovierung bedeutet ihm nicht einen Abbruch des Erbes, sondern im Goetheschen Sinne dessen Bewahrung unter veränderten Bedingungen,
wie sie Zeit und Geschichte immer wieder mit sich bringen.
Es geht Funk immer nur um eine Weiterentwicklung dessen, was als ursprüngliche Intention des Baumeisters noch erkennbar ist. Gerade
das verlangt handwerkliches Geschick, musikalischen und kirchenmusikalischen Sachverstand und Respekt.
Markant für die grundsätzliche Offenheit dieses Orgelbauers gegenüber der Zukunft ist die Tatsache, dass Funk sich der 1992 renovierten
Herzberger Orgel (nach der langen Phase der Arbeit an weiteren Engelhardt-Orgeln) im Jahre 2004 noch einmal annahm, um dieses Instrument
nach inzwischen neu gewonnenen Erkenntnissen zu Engelhardts Bauweise nachzubessern.
Damit ist ihm mit der großen Orgel in St. Nicolai ein von international tätigen Organisten gerne bespieltes Werk gelungen, das seinen
ursprünglichen Erbauer, Engelhardt, aus dem Schatten eines regionalen Kleinmeisters führt.
Friedrich Seven
Bad Lauterberg
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