Dieses Buch ist ein Glücksfall für alle, die sich mit dem Orgelbau der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts befassen - ob nun an der Orgel, im Orgelbau oder als Verantwortliche in den Kirchengemeinden: Der Autor Hans Ulrich Funk war selbst jahrzehntelang Kirchenmusiker an der Nicolaikirche in Herzberg (mithin an einer der wichtigsten und am besten erhaltenen Orgeln von Johann Andreas Engelhardt), ist aber zusätzlich qualifiziert als Orgelsachverständiger und Orgelbauer, der sich vor allem auf die Spezifika desjenigen Orgeltyps spezialisiert hat, der hier in großer Breite und Tiefe präsentiert wird.
Der Orgelbauer Engelhardt - geboren 1804 - war Zeit seines Lebens vor allem im mitteldeutschen Bereich im Raum Gotha, Erfurt und Weimar tätig und ist heute insbesondere durch Instrumente im Harz nachweisbar; unter seinen etwa 60 Neu- und Umbauten finden sich viele zwei-, auch einige dreimanualige Instrumente, deren hohe Qualität schon zu Lebzeiten sehr gelobt wurde. So galt sein Instrument für die Marktkirche zu Goslar als "bestes Instrument im Königreich Hannover", und der Wert seiner Arbeit lässt sich noch heute an seinen erhaltenen Arbeiten - von denen eine Menge überliefert und weiterhin spielbar ist - nachweisen. 1859 musste Engelhardt aufgrund des starken Konkurrenzdrucks Konkurs anmelden, arbeitete aber bis zu seinem Tod 1866 als Orgelbauer weiter.
Hans Ulrich Funk legt mit seinem Opus magnum ein erweitertes Werkverzeichnis vor, in dem er Orgel für Orgel das Schaffen Engelhardts abschreitet und den historischen Bestand dahingehend seziert, welche Potentiale in den jeweiligen Instrumenten stecken. Sein Buch wird so zu einer Enzyklopädie des Orgelbaus in der betreffenden Region auch unter restauratorischen Gesichtspunkten - zumal Funk die erhaltenen Orgeln in ihren jeweiligen Erhaltungszuständen bewertet und auch deutlich macht, welche Eingriffe in die Substanz noch Verbesserungen bringen könnten. Verbunden ist mit den Orgelportraits eine zum Teil sehr ausführliche Dokumentation des Pfeifenmaterials und der baulichen Spezifika - bis hin zur Frage, mit welchem Werkzeug denn Engelhardt-Orgeln in der Gegenwart am besten beizukommen ist.
Einen Wermutstropfen stellt dabei hin und wieder die diskussionswürdige Auswahl der Fotografien dar: So ist nicht immer klar, wie sinnvoll eine ganzseitige Abbildung der oft kleinen und gänzlich uninteressanten Orgeln aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind, die eine Engelhardt-Orgel ersetzen - es sei denn, die Bilder sollen zur Abschreckung dienen. Und in einigen Fällen ist die Qualität der Fotos nicht dem großzügigen Format angemessen.
Dennoch kann der umfangreiche Band eine große Hilfe in der Beurteilung von Instrumenten gerade in Phasen von Restaurierungsprojekten sein: Hier hat ein im besten Wortsinn Kundiger sein Wissen über einen sehr speziellen Bereich der Orgelbaukunst im 19. Jahrhundert für die Nachwelt hinterlegt. Bleibt zu hoffen, dass die Betreffenden reichlich Gebrauch machen!
Birger Petersen
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