Im August 2023 erschien ein umfangreiches Nachschlagewerk zu allen bekannten Orgeln der Werkstatt Engelhardt aus Herzberg a. Harz, ob erhalten, nicht erhalten, restauriert oder umgebaut. Hans-Ulrich Funk legt darin seine lebenslange Beschäftigung mit der Orgelbauregion Harz und Umland, speziell zum Wirken besagter Firma dar. Kein Berufenerer hätte diese Mammutaufgabe besser übernehmen können, ist Funk nicht nur als Orgelbauer ausgebildet, sondern wirkt über vier Jahrzehnte in Herzberg a. Harz als Regionalkantor, Orgelsachverständiger und Orgelbauer. Im Ruhestand besinnt er sich auf seine Wurzeln und arbeitet in eigener Werkstatt als Restaurator historischen Pfeifenwerkes und Intonateur. Das macht für mich das Buch so wertvoll. Ein Praktiker berichtet direkt über seinen Umgang mit den Instrumenten, als gewandter Spieler und als Orgelbauer.
Das Intonieren, so berichtet Funk, lernt er direkt von Engelhardt, also an den meisterhaften Instrumenten. Während seiner Orgelbaulehre geben ihm die damaligen Intonateure in der Ausbildungswerkstatt und bei den Montagen wenig Einblick. Sie tragen weiße Kittel und drehen sich bei den entscheidenden Handgriffen weg. Jetzt entdeckt er durch die Pfeifen, was nötig ist und welchen Klang die Orgeln von Engelhardt anhand der Pfeifenparameter haben wollen. Aus diesen Entdeckungen stellt er sich größtenteils das eigene Werkzeug her. Die Bestätigung erhält Funk beim Besuch und der Untersuchung von einigen Silbermannorgeln. Die Pfeifen sprechen die gleiche Sprache. Das ist nicht selbstverständlich, liegen dazwischen doch über hundert Jahre. Die Resultate können sich hören lassen. Frische, erweckte Klangsprache mit vielen sanglichen Vokalen, guten Konsonanten und in jeder Richtung verschmelzungsfähig - das sind die Vorzüge der Engelhardtschen Register, der original erhaltenen und der wieder entdeckten Klänge anhand der Erfahrungen von Hans-Ulrich Funk.
Im Buch sind nach einer kurzen Biografie und ausführlichen Details zur Konstruktion Engelhardtscher Orgeln alle nach heutigem Wissensstand von der Werkstatt Engelhardt erbauten und umgebauten knapp 100 Orgeln von 1830 bis 1879 einzeln nach Erbauungszeit sortiert detailliert beschrieben. Die Beschreibung schließt jeweils mit einem Resumee, in dem der erfahrene Orgelsachverständige Funk eine Einordnung vornimmt und, wenn nötig, Wege zur Vrebesserung noch nicht optimal restaurierter Orgeln aufzeigt. Viele Fotos dienen dabei der Anschaulichkeit. Da, wo keine Orgeln Engelhardts mehr stehen, werden die Kirchen und die einstigen Orgeln sowie die jetzige Situation, ggf. die Nachfolgeinstrumente knapp beschrieben. Auch Querverweise zum möglichen Verbleib originaler Register sind enthalten.
Am Ende folgt ein Stammbaum der Familie Engelhardt, ein kurzer Abriss über alle zur Zeit nachweisbaren Mitarbeiter der Firma ab 1828 und die Darlegung aller Quellen in den Kirchenbüchern und Stadtakten. Auf einer skizzierten Landkarte kann man alle spielbaren Orgeln Engelhardts räumlich verteilt erfassen.
Besonderer Dank gilt Funk für seine Offenheit, für jeden Orgelbauer und Sachverständigen all seine Erfahrungen am Schluss des Buches in Bezug auf Intonationsarbeit und verwendete Werkzeuge niederzuschreiben. So wird das Buch auch zu einem ungwöhnlichen Lehrwerk.
Wertvoll ist in jeder Hinsicht: Kirchengemeinden, deren Kirchen je durch den Lebensweg der Orgelbaufirma Engelhardt berührt wurden, finden Bestätigung oder Anregung im Umgang mit ihren wertvollen Instrumeten. Forscher finden ein vollständiges, detailliertes Werksverzeichnis mit Querwerweisen und Glossar. Organisten lernen den Wert der Orgellandschaft Harz kennen, bis hin zu Empfehlungen, welche Orgeln sich zur Zeit für Tonaufnahmen besonders eignen. Und Orgelbauer und Sachverständige bekommen einen genauen Einblick in die Arbeitsweise und Klangkonzeption dieser meisterhaften Orgelbauwerkstatt.
Dietrich Modersohn
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