Nein, es ist wahrhaftig kein Reiseführer oder eben ein Buch, welches man zum Besuch in Kloster Mariensee als erste Informationsquelle nutzen kann!
Eberhard Doll legt hiermit ein mehr als gelungenes weiteres Mosaiksteinchen zur Historie des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters im heutigen Ortsteil von Neustadt am Rübenberge vor. Das imposante Klosterarreal wird heute von der Klosterkammer Hannover verwaltet und Kloster Mariensee zählt zu den sogenannten "Calenberger Klöstern" - neben Mariensee werden noch die Klöster von Barsinghausen, Marienwerder, Wennigsen und Wülfingen darunter subsumiert.
Der Autor hat sich schon mehrfach als ausgezeichneter Kenner der Historie Mariensee bewiesen - vgl. etwas den Art. in unserem Jahrbuch
der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 105 aus dem Jahre 2007: Ablaßurkunden für das Kloster Mariensee (S. 11-32)
und der detaillierten Aufarbeitung früherer Personalia: Kloster Mariensee, Personallisten und biographische Notizen, Bramsche 2008.
All seine intensive Forschungsarbeit findet nun Widerhall in diesem opulenten Werk, welches im Traugott Bautz Verlag publiziert wurde.
Doll hat sich für diesen Band weitere ausgewiesene Kenner der speziellen Historie Mariensees dazu geholt und das ist sicherlich ein
großer Pluspunkt für diese umfangreiche Untersuchung.
So eröffnet nach dem obligatorischen Vorwort und der knappen Einleitung Bernd Ulrich Hucker den ersten Part (19-37) und beschreibt die Gründungsgeschichte en Detail. Interessanterweise konstatiert er durch seine Untersuchungen ein spätes Gründungsdatum des Klosters im 13. Jahrhundert - was sicherlich in der gängigen Forschung noch zu debattieren sein wird. Sehr aufschlußreich sind die abgedruckten zwölf ältesten (um 1213 bis 1227) Regesten (39-46), die einer nun neu angeordneten Chronologie folgen und somit die älteren Überlieferungen im Calenberger Urkundenbuch korrigieren - vgl. Wilhelm von Hodenberg (Hg.), Archiv des Klosters Mariensee (Calenberger Urkundenbuch, 5. Abteilung), Hannover 1858.
Der zweite Part dieses Buches widmet sich der Bau- und Kunstgeschichte des Klosters in seiner imposanten Historie von über acht Jahrhunderten, den Andreas und Claudia Sassen beisteuern (47-90). Die einzelnen Fotos und Pläne machen vieles anschaulich und lassen auch den Lesenden, der nicht vor Ort ist, keineswegs ratlos zurück, sondern Text- und Bildmaterial tragen hier in einer ausgewogenen Symbiose zur Orientierung bei. Der Rezensent hätte sich jedoch einige Abbildungen großformatiger gewünscht (z.B. 47, 59, 62 u.ö.), denn das Auge nimmt so nur marginal die kunsthistorischen Höhepunkte von der Romanik bis zum 20. Jahrhundet wahr. Dieser kunsthistorische Zugang des Buches ist ein wichtiger Beitrag für diesen Band und man kann dem Herausgeber Doll nur dankbar sein, dass er zwei Fachleute für diesen Part gewinnen konnte, die anschaulich einzelne Elemente des Sakralbaus ausführlich beschreiben und deuten.
Schließlich wird der umfangreiche dritte Part (91-447) vom Herausgeber Eberhard Doll selbst beigesteuert. Wie bereits eingangs erwähnt,
atmet dieser gewichtige Teil das Herzensanliegen Dolls, die Historie Mariensees weiterhin kenntnisreich aufzuarbeiten und bekannt zu machen!
Spannend sind die einzelnen Ablassurkunden aus der Zeit zwischen 1263 und 1312, auch hier findet bei zumindest einer Urkunde eine
neue Datierung statt. Doll wirft gerade hier einen hoch interessanten Blick in die Frühgeschichte der römisch-katholischen Kirche
und ihrem wirtschaftlich-theologischem Konstrukt der Indulgenzbriefpraxis.
Der Autor bearbeitet in diesem sehr umfangreichen Part eigentlich alle relevanten Themen der Klosterhistorie. Er nimmt die Lesenden
mit in die Praxis des Klosters, die ambivalente Welt des zisterziensischen Selbstverständnisses und andererseits des benediktinischen
Denkens und Handelns.
Höhepunkte in der langen Geschichte des Klosters waren sicherlich die zwangsweise durchgeführten Reformen nach der Windesheimer Form
(benannt nach dem niederländischen Kloster Windesheim bei Zwolle) unter dem Hildesheimer Augustiner Chorherrn Johannes Busch 1455.
Schließlich lässt uns der Autor dann auch den großen und umfassenden Änderungen der Reformation teilhaben. Sehr verständlich wird dies
durch die Beschreibung der beiden lutherischen Visitationen in den Jahren 1543 und 1588 dargestellt.
Auch das geistliche Leben im Kloster ist Teil dieses umfangreichen Kapitels und so werden unter den verschiedensten Rubriken Nonnen und
Konventualinnen, die Äbtissinnen und andere mehr vorgestellt. Darunter werden eben auch Seelenheil, Memorien und Gebetsbruderschaften,
aber auch die zahlreichen Altar- und Kapellenstiftungen erörtert. Einen eigenen Exkurs fügt Doll noch mit den Auflistungen der Pröpste,
anderer Kleriker und den unterschiedlichsten Bewohnern des Klosters hinzu. Das aktive Klosterleben wird durch die Schreibstube
(Skriptorium) und die Krankenabteilung und das Siechenhaus thematisiert. Hier werden auch einzelne Fälle von Austritten aus dem
Kloster oder aber Ablehnungen zur Aufnahme geschildert.
Es ist faszinierend, dem Autor zu all den verschiedensten Klosterbereichen folgen zu können - ein kurzes Kapitel widmet sich auch
dem Hannoveraner Klosterhof, der u.a. als Asylort für die Stiftsdamen diente.
Es ist sicherlich eine weitere Stärke dieses langen Kapitels, dass Kurzbiografien und die Daten so zahlreicher Bewohnerinnen und
Bewohner akribisch aufgelistet werden, soweit sie eruierbar waren.
Ein Anhang verschiedener Quellen im Original und deutscher Übersetzung beschließen dieses Kapitel.
Bildnachweise, Abkürzungsverzeichnis und die Angaben der benutzten Quellen und Literatur lassen keine editorischen Wünsche offen,
bevor sich das Register der Personen- und Ortsnamen anschließt - hierbei wäre es sicherlich hilfreicher gewesen, sie wären nicht
in eins zusammengefügt, sondern in zwei separten Registern erschienen.
Alles in allem ist dieser Band ein erstaunlich lebendiger Beitrag für die niedersächsische monastische Historie geworden und er vereint doch ein sehr breites Spektrum an neuen Erkenntnissen. Man kann diesem Band nur eine große Leser- und Leserinnenschaft wünschen, denn mit dem Kloster Mariensee und seiner hochinteressanten und hier gut aufgearbeiteten Geschichte liegt eine Besonderheit vor!
Schade nur, dass die Aufmachung, Layout und einiges mehr in der Fertigstellung dieser Publikation als nicht gelungen bezeichnet
werden darf. So ist es z.B. recht ärgerlich, dass in den Anmerkungen und im Literaturteil mit Majuskeln statt Kapitälchen gearbeitet
wurde. Das erschwert das Lesen doch oftmals ungemein und leider haben sich mehrere orthografische Fehler eingeschlichen, die bei
einer gründlichen Endredaktion hätten vermieden werden können.
Dies soll jedoch den hohen Wert dieses Buches nicht schmälern und der wahrhaft positive Aspekt überwiegt hier freilich beim Rezensenten!
Kloster Amelungsborn
Ulf Lückel
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