Eberhard Doll

Das Kloster Mariensee

Beiträge zu seiner Geschichte

Rezension


Die Geschichte von monastischen Gemeinschaften, ja von geistlichen Instituten insgesamt weckt immer noch großes Interesse – und dies trotz einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft. Hierbei ist die Historie von den in der Reformationszeit in evangelische Institute transformierten Klöstern von besonderer Bedeutung, zumal eine Reihe von ihnen bis zum heutigen Tag als geistliche Kommunitäten weiter existiert. Ein solches Institut ist auch das beim niedersächsischen Neustadt am Rübenberge nordwestlich von Hannover liegende Frauenkloster Mariensee.

Das einstige Zisterzienserinnenkloster wurde im Zuge der Reformation in ein evangelisch-lutherisches Damenstift umgewandelt. Die Konventsgebäude sind gut erhalten bzw. adäquat restauriert. Es gibt bereits eine Reihe von Einzelstudien über Mariensee, aber noch keine Gesamtdarstellung. Dabei ist auch das vorliegende Buch keine Monographie, sondern eine Art Sammelband, in dem eine Autorin (Claudia Sassen) sowie drei Autoren (Eberhard Doll, Bernd Ulrich Hucker und Andreas Sassen) speziellere Abhandlungen zur Klosterhistorie präsentieren. Ein Schwerpunkt liegt auf der Gründungsgeschichte Anfang des 13. Jahrhunderts (S. 19–46), bearbeitet von Bernd Ulrich Hucker, wobei in einer Anlage (S. 39–46) Regesten der zwölf – zeitlich neu geordneten – ältesten Marienseer Urkunden zu finden sind. Es folgt ein ausführlicherer bau- und kunsthistorischer Abschnitt von Andreas und Claudia sassen (S. 47–90). Heute ist aus der Gründungszeit nur die einschiffige, dreijochige Saalkirche – ein Ziegelbauwerk im frühgotischen Stil – erhalten. Die Ausstattung des Gotteshauses hat die Zeit der Reformation gut überstanden. Die Klosteranlage errichtete man in den Jahren zwischen 1726 und 1729 neu. Die Konventualinnen wohnten bereits im 17. Jahrhundert in 13 Einzelwohnungen – mithin hatte eine gewisse Privatisierung der konventualen Lebensführung stattgefunden. Die Baugeschichte zeigt, dass das Vorbild für Mariensee die Zisterzienserkirche im westfälischen Marienfeld war. In einem dritten Abschnitt (S. 91–425), verfasst von Eberhard Doll, wird die Klostergeschichte dargestellt – allerdings nicht in chronologischer Ordnung, sondern nach einzelnen Sachgebieten wie Ablässe, Ordenszugehörigkeit, Patrozinium, Windesheimer Reform, Einführung der Reformation, Memorienwesen, Stiftungen, Personal, Krankenabteilung und Schreibstube. In einem Anhang findet man unterschiedliche Quellen: Transkripte und Übersetzungen von Ablässen, eine Auflistung von Varianten des Ortsnamens ‚Mariensee‘, das Protokoll einer Äbtissinnenwahl (1512), eine Güterschenkung (1441) sowie eine Auflistung von Geistlichen in Mariensee von der Reformation bis 1695.

Ein wichtiges Ergebnis des Buches – und überhaupt der Impuls, dieses Werk zu verfassen –, ist die neue zeitliche Anordnung der zwölf ältesten Urkunden. Demnach wurde das Kloster nicht, wie lange angenommen, 1207 gegründet, sondern aufgrund einer Neubewertung der historischen Ereignisse, welche Anlass der Gründung waren, erst im Jahre 1214. Die planvolle Gründung von Neustadt war gelungen, allein es fehlte ein Kloster, das auch als Grablege der Herrscherfamilie Wölpe dienen konnte; eigentlich zielte es auf ein Eigenkloster des Grafenhauses (S. 36).

Eberhard Doll führt im dritten Kapitel die beiden Ablassurkunden von 1263 und 1312 (Sammelablass) für das Kloster auf; in diesen wird der Konvent interessanterweise durchgängig als benediktinisch und nicht als zisterziensisch bezeichnet; dies war in gewisser Weise folgerichtig, weil das Institut nie förmlich in den Zisterzienserorden inkorporiert worden ist, was allerdings nicht untypisch für weibliche Konvente war. Was die Frage nach der Inkorporation von Frauenklöstern in den Zisterzienserorden grundsätzlich angeht, wäre eine Berücksichtigung der instruktiven Studie von Anja Ostrowitzki1 hilfreich gewesen. Zuständig für die Aufsicht war der Bischof von Minden, der sich der Hilfe des Abtes von Loccum bediente; Loccum wiederum entsandte die Beichtväter und zeichnete ferner für die erfolgreiche Durchsetzung der Windesheimer Reform (1455) verantwortlich; ferner diente Loccum wohl auch nach der Reformation für Mariensee als relevanter Ansprechpartner. Interessant ist, dass die Äbtissinnen in der heutigen Zeit vom niedersächsischen Kultusminister auf Vorschlag des Präsidenten der Klosterkammer ernannt werden. Mithin ein klarer Hinweis auf die starke weltliche Anbindung der die Reformation überlebenden Klöster im protestantischen Bereich. Seit der Klostergründung gab es bis 2022 45 namentlich bekannte Äbtissinnen; wenngleich sich die Bezeichnung der Vorsteherin mehrfach geändert hat (Domina, Oberin und eben Äbtissin).

Was leider negativ auffällt, sind die zuweilen abrupten und sachlich nicht immer nachzuvollziehenden Wechsel zwischen chronologischer und thematischer Darstellung, wie bspw. das nach dem 7. Kapitel (‚Reformatorische Visitationen‘) folgende Kapitel 8 über ‚Seelenheil, Memorien, Gebetsbruderschaft‘; dort trifft man dann recht unvermittelt auf eine „Bruderschaft“ (S. 132) bzw. „Gebetsbruderschaft“ (S. 131), welche aber nicht näher vorgestellt wird. Auch wüsste man gerne mehr darüber, aus welchen Orten – genauer Städten – denn die „Bürgerlichen“ (S. 135) kamen, welche Anfang des 14. Jahrhunderts als Stifter auftauchten.

In der Luft hängt auch eine Aussage wie „Hinterließ einen umfangreichen Bericht über die Ereignisse im Kloster während der Jahre 1940 bis 1946“ (S. 212); hier hätte man gerne mehr darüber erfahren, was in dem Dokument über diese bewegte Zeit steht. Auch eine Bemerkung wie „Lebt seit 2002 im Kloster Lüne“ (S. 214) weckt Neugier: Wie viele Wechsel vom Kloster Mariensee in andere geistliche Institute und umgekehrt hat es gegeben, und welche Gründe wurden von den Frauen hierfür angeführt?

Die Abbildungen – sowohl Fotos wie auch Zeichnungen – sind durchgängig von einer hohen Qualität. Einen – allerdings zu klein wiedergegebenen – Plan des Klosters von 1750 findet man unvermittelt an einer Stelle, an der man ihn nicht vermutet hätte, nämlich in der Auflistung der Amtmänner (S. 383). Diese Karte hätte man übrigens gut in einen Vergleich zum Luftbildfoto von 2019 (S. 2) setzen können, um Veränderungen in der Bebauung des Klostergeländes zu verdeutlichen.

Bemerkenswert ist, dass es ab 1664 bis 1874 nur adelige Äbtissinnen gegeben hat. Andererseits gestaltete sich die ‚Durchlässigkeit‘ der Klosterinsassinnen zur ‚Außenwelt‘ recht groß; so verließen allein im Zeitraum zwischen 1715 und 1797 16 Konventualinnen Mariensee zum Zweck der Heirat (S. 147). Instruktiv ist eine Übersicht (S. 151f.), welche die jeweiligen Konventsgrößen von 1512 (12 Konventualinnen) bis 2022 (6 Konventualinnen) auflistet und darüber hinaus die Anzahl der adeligen und bürgerlichen Frauen aufzeigt. Die maximale Größe lag in einigen Jahren bei lediglich 13 Insassinnen. Gerne hätte man erfahren, wo die vier anderen Konventualinnen im Jahre 2022 lebten, die sich nicht in Mariensee befanden (S. 153). Eine systematische prosopographische Auswertung der Auflistung der Äbtissinnen, der Nonnen bzw. Konventualinnen, der Pröpste und Amtmänner sowie der sonstigen Klosterbewohner erfolgt leider nicht.

Zu wichtigen Phasen der Klostergeschichte wie der der Windesheimer Reform und der lutherischen Reformation findet man einige Informationen an eher versteckten Stellen; dies gilt ebenso für Beobachtungen über Kleidung und Habit (S. 266). Was fehlt, ist eine eigene Thematisierung des Wechsels vom katholischen zum evangelischen Ritus (S. 191). Alle diese Phänomene hätten ob ihrer Relevanz ein eigenes Kapitel verdient. Insbesondere wäre von Interesse gewesen, inwiefern sich das Konventsleben nach der Einführung der Reformation gewandelt hat: Änderten sich die Eintrittsbedingungen? Gestaltete sich das Zusammenleben offener und weniger streng reglementiert? Welche Änderungen der Spiritualität können beobachtet werden? Wie änderte sich der Lebenswandel?

Zwar fehlt eine grundlegende Untersuchung über den Besitzstand und die wirtschaftlichen Verhältnisse (S. 134), aber problematisch sind dann recht pauschalisierende Formulierungen über die ökonomische Lage und Entwicklung (u.a. S. 100). Zudem wäre es von Interesse gewesen, was unter den „Sonderwirtschaften“ (S. 120) zu verstehen war. Darüber hinaus hätte thematisiert werden müssen, welchen konkreten Einfluss und welche Folgen das Aussterben der Grafen von Wölpe Anfang des 14. Jahrhunderts für das Kloster hatte; denn nunmehr hatte das Institut seine Funktion als Grablege verloren und fungierte fortan als eines unter anderen Klöstern im Herrschaftsgebiet von Braunschweig-Lüneburg.

Etwas irritierend, ja an sich überflüssig sind Kurzbiographien der an der Sammelindulgenz von 1312 in Vienne beteiligten Bischöfe, da sie ohne weiteren Erkenntniswert für die Geschichte von Mariensee sind (S. 432–437). Manche Ausdrücke zur sozialen Herkunft irritieren und klingen umgangssprachlich, bspw. wenn von „uradelig“ (S. 206) die Rede ist. Auch die Bezeichnung „Krankenhaus“ (S. 135) ist für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit irreführend – sinnvoller ist, von ‚Krankenstube‘ zu sprechen.

Alles in allem hinterlässt dies Werk einen zwiespältigen Eindruck, vor allem im Hinblick auf die Komposition, den Aufbau und der Präsentation der Fakten und Entwicklungen. Eine Gesamtgeschichte, insbesondere unter der Fragestellung, in welcher Weise ein im Mittelalter gegründetes Zisterzienserinnenkloster grundlegende Veränderungen, wie v.a. die Einführung der Reformation, überstehen konnte und es sich so neu ausgerichtet hat, dass es bis zum heutigen Tage als protestantisches Damenstift existieren kann, fehlt.

Wolfgang Rosen - Bonn / Köln


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