Antonio Messina

Der geduckte Mensch

Eine Kritik zwischen Beton und Geist

2. Auflage

Rezension


Globalisierung ist eines der zentralen Themen des 21. Jahrhunderts. Kaum ein anderes Thema durchdringt so viele gesellschaftliche Bereiche, egal, ob Unterhaltung oder Wirtschaft. Gerade in der aktuellen Situation, die letztlich nur durch die Vorgänge in einer globalisierten Welt zur Pandemie werden konnte, zeigen sich die vielen verschiedenen Aspekte der Globalisierung. Allerdings werden diese selten so vielschichtig beleuchtet, wie sie tatsächlich sind. Während in den Medien meistens die positiven Aspekte hervorheben und die Wirtschaft die durch Globalisierung und Digitalisierung möglichen Gewinne feiert, fallen die kritischen Aspekte meist unter den Tisch oder werden wenn, nur so angesprochen, dass weiterhin deutlich gemacht wird, dass die Vorteile überwiegen.

Antonio Messina, der als Hochbaumeister die Auswirkungen der Globalisierung und die auch damit einhergehenden Nachteile auf Baustellen erlebt, beschäftigt sich in dem vorliegenden Band mit zeitgenössischen Autoren und ihrer Perspektive auf Globalisierung. Das Buch ist gegliedert fünf in Teile. Zunächst wird der im Buch zur Sprache kommende ›geduckte Mensch‹ aus vier Perspektiven beleuchtet, nach denen sich auch die Kapitel aufteilen: der politischen Perspektive, der wirtschaftlichen Perspektive, der Waffen des Säkularismus philosophischen Perspektive und den speziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Diese Perspektiven werden anschließend anhand von Literaturstudien bearbeitet. Der fünfte Teil des Buches bildet ein Essay mit demselben Titel des Buches, ›Der geduckte Mensch‹.

Im ersten Teil, der politischen Perspektive, bespricht Messina verschiedene Bücher, die seiner Ansicht nach dazu beitragen, den heutigen Menschen in Form eines kantischen Imperativs (›sapere aude!‹) dazu zu ermutigen, nicht blind (vermeintlichen) Autoritäten zu folgen, sondern stattdessen die überwiegend wirtschaftlichen Interessen ebendieser Autoritäten in Frage zu stellen und daraus einen eigenen Weg zu finden, wie mit den Herausforderungen seiner Zeit umzugehen ist. Hierbei verweist Messina über die Beschäftigung mit diesen Autoren auf die Probleme, die Gewinnmaximierungsabsichten und globalistisches Denken der Welt einbringen, weil diese Bestrebungen notwendigerweise das ›Nicht-Denken‹ und ›Ducken‹ des modernen Menschen benötigen. Der Autor versteht dieses Kapitel in der Tradition der Aufklärung stehend und in dieser Tradition als ›Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit‹, um Kant zu zitieren.

Im zweiten Teil, der wirtschaftlichen Perspektive, analysiert Messina wiederum Bücher, dieses Mal insbesondere mit einem kritischen Fokus auf den Kapitalismus und dessen, durch neue Möglichkeiten der Digitalisierung vorangetriebene, Vorherrschaft, insbesondere in den westlich orientierten Demokratien. Hierbei wählt der Autor bei seinen Studien insbesondere Bücher, die die Entmenschlichung zum Wohle des Kapitalismus fokussieren und beleuchtet das, den Machthabern zur Verfügung stehende, Instrumentarium, mit dem Menschen gezwungen werden, sich zu ›ducken‹. Er setzt sich mit Tendenzen auseinander, die Menschen zunehmend zu ›Humankapital‹ oder auch zum Sklaven für den Arbeitsmarkt bzw. den Konsum degradieren und versucht, über diese Literaturstudien auch den Fokus des Lesers auf diese Problematiken zu richten.

Im dritten Teil, der philosophischen Perspektive, fokussiert sich Messina insbesondere auf die interkulturelle Ethik. Er greift insbesondere die Tendenzen des Westens, sich selbst und seine Positionen zu verabsolutieren, auf und unterstreicht diese wiederum anhand ausgewählter Buchbesprechungen. Insbesondere das Thema der Menschenrechte und die Manipulation, die dadurch möglich gemacht werden, weckt sein Interesse und wird von dem Autor als Instrument erkannt, das Menschen wiederum zum ›Ducken‹ anhält, bzw. sogar als Instrument, um andere Länder zu unterdrücken, da es Mächten wie z.B. den Vereinigten Staaten eine Rechtfertigung gibt, andere Länder anzugreifen, welche die Ethik, für die die Vereinigten Staaten stehen, nicht teilen, oder zumindest augenscheinlich eine Gefahr dafür sein könnten.

Im vierten Teil geht Messina auf die bisher nie dagewesenen Auswirkungen der Corona-Pandemie ein und bespricht, wiederum anhand ausgewählter Literaturstudien, die bereits in den vorhergehenden Kapiteln besprochenen Einschüchterungstaktiken der ›Eliten‹, die dazu dienen, auch die Pandemie für die Maximierung des Gewinns der Reichen zu instrumentalisieren. Weiterhin stehen die Autoren der von Messina besprochenen Bücher auch neuen Medizintechnologien kritisch gegenüber und sehen in diesen, bedingt durch die aktuellen Zustände in der Welt, weniger einen Fortschritt als eher eine mögliche Gefahr.

Zum Schluss zeigt der Autor in dem namensgebenden Essay ›Der geduckte Mensch‹ Erkenntnisse auf, die er sich zuvor durch die Literaturstudien erarbeitet hat. Er beleuchtet die vermeintliche Freiheit des Menschen, die ihn durch ein zwanghaftes Verständnis derselben unfreier macht, als er in tatsächlicher Unfreiheit wäre. Er bewertet die in unserer heutigen Gesellschaft oft gebrauchten Worthülsen von ›Freiheit‹ und ›Selbstbestimmung‹ kritisch und zeigt, wo diese an ihre Grenzen stoßen, nämlich dort, wo sie zu Kampfbegriffen werden, die als Waffe gebraucht werden, um beispielsweise Kriege und die Abwertung bestimmter Kulturen rechtfertigen zu können. Auf den Titel bezugnehmend bezeichnet er den Zustand des ›modernen‹ Menschen als geduckt im Sinne der Unterwerfung unter aktuell mo-derne Ansichten und mit diesen einhergehenden Zwängen, sich nur auf sozial erwünschte Weise zu äußern und zu handeln. Dieser Zwang und die damit einhergehende scheinbare Beherrschung der Natur lassen den ›geduckten Menschen‹ umso aggressiver werden, weil sich seine Aggression sowohl nach innen richtet, da er mit Gewalt die Natur unterdrückt, als auch nach außen, da er unter allen Umständen erreichen will, dass alle anderen Menschen genauso geduckt und unfrei sind wie er selbst.

Zusammengefasst ist festzuhalten, dass Antonio Messina ein stark gesellschaftskritisches Werk in einem ganz eigenen Tonfall vorlegt, dessen Ziel nicht ist zu gefallen, sondern Missstände aufzuzeigen. Das Buch richtet sich hauptsächlich an Menschen, die ihre Lebenserfahrung nutzen wollen und die nicht in politischen Machtpositionen sind, um aufzuzeigen, wo für sie Gefahren verborgen sind. Aufgrund der breiten Themenauswahl innerhalb der Literaturstudien, Waffen des Säkularismus die von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Corona-Pandemie reichen, ist jedoch ein gutes Allgemeinwissen von Vorteil, um die Beispiele nachvollziehen zu können.

Claudia Mayer


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