Detlev Reinke-Martin

Feldweg:

Die Spur ins Ungedachte

Rezension


Sehr willkommenes Lesepublikum,

wenn es mir gelingt Sie durch meine Darlegungen einzubinden, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen, durch das sich Detlev Reinke-Martin als "Arbeiter im Weinberg" den Doktor-Titel erwarb, dann eröffnen sich wohl auch für Sie Wege ins "Ungedachte". Noch bevor, auf Seite 30, die dreiphasige Arbeit spezifische wissenschaftlich Gestalt annimmt, werden wir sowohl in autobiographische wie inhaltliche Kontexte der sorgfältig zusammengefügten Abschnitte eingeführt.

Auf vielfältig, gedankliche Weise folgt der Leser Wege um sozusagen "Ungedachtes" zu entdecken: Es sind die Abschnitte, wie die "nicht substantierte - die individualisierte- und die jemeinige Phase"; zunächst läuft die Arbeit chronologisch voran. Erlebnisse, Orte, Vorlieben blitzen auf. Bereits hier verwebt sich hellenisches Gedankengut mit Zen-Buddhismus und Bach's Choräle finden ihre Verortung unter anderem im orthodoxen Protestantismus. Schon hier führt ein Pfad zu Heideggers Philosophie, wir folgen im Turm dem Gespräch des Türmers. Dieses Ereignis bietet ein "weites Feld", wie Fontane zu sagen pflegte, um Lebensfelder / Lebenskompositionen erschließen zu können. Im Weiteren erfolgt eine intensive Betrachtung und Vorstellung seiner Erkenntnisse zu Bach. Später folgt ein fiktiv hellenischer, spagyrischer Dialog in dem noch einmal getrennt und zusammengeführt wird, ob Musik(alität), Glauben, Philosophie und deren Interpretationsmöglichkeiten. Seine Herangehensweise wechselt sich stets ab: Wie beiliegende CD zu Joh. Seb. Bach's Orgelchoral "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ" zeigt. Sie lässt Detlev Reinke-Martin als Organist vor Auge und Ohr treten.

Er stellt seine jeweiligen Wirkungsstätten vor, hinzu kommen Aspekte des Orgelbaus, das Instrument als solches samt trinitarisch-theologischer Verortung und Kritik. Die bereichernde Auseinandersetzung mit Albert Schweitzer, spannt den Bogen hin zur Klangästhetik, so wie zur (religions)pädagogischen Herangehensweise an das Orgelspiel, wiederum gespickt mit lebendigen (u.a. S. 94) Einlassungen, und Erkenntnissen. Ein "ilcanto sospeso". Dies beweist Authentizität, Fotos, Zeichnungen Tabellen tragen zusätzlich dazu bei. Selbst die Essenz protestantischer Verkündigung und Auslegung wirkt lebendiger. Mit dem Bild des biblischen Weinberges nehme ich die Symbolsprache mit in Anspruch, umso mehr, da ich Detlev Reinke-Martin besser als Winzer, denn als Arbeiter schildern sollte. An einer der Wegkehren ist im Sinne Epikurs, Genuss, Wahrheitsfindung und Seelenfrieden zu finden. Seine Betrachtungsweise zum Zen-Buddhismus wie, "ein Schlag (des Meisters), der erleuchtet, nicht zerschlägt." (Foto Seite 33) dies ermuntert zu eigenen Reflexionen. In allen Teilen der Arbeit geht es um "gute Meister", die ihre Schüler im Sinne der Mäeutik herausfordern. Betrachtungen zum Glauben (siehe W. Joest z.Bsp. Seite 146 u.w.) verdeutlichen es. So ist es nur folgerichtig, dass Christus von der Nächsten-Liebe her in den Blick genommen wird, die ihrerseits auf Freiheit und Vertrauen gründet und zugleich Menschen in ihre zeitliche Dauer stellen. Hier erfassen wir auch die Relevanz der Bachschen Musik, ihre Sphäre und Offenbarungs-Frömmigkeit sowie den seinsgeschichtlicher Auftrag des Menschen "als Hüter des Seins" (vgl. auch Heidegger .u.a. Seite 148). Die Orgel als "Kelter" dazu als trinitarisches Instrument, und Bachs Gottesgewissheit. Es geht um christliche Nächstenliebe wie um epikureisches Lebensglück. Wobei der christliche Glaube grundsätzlich zu unterscheiden ist vom Zen-Buddhismus, der Mysterienkulte oder epikureischer Gärten. Wegweisend für die Arbeit ist immer auch die philosophische Gedankenwelt Heideggers. Er setzt sich mit der Metaphysik als dem Grundrauschen menschlicher Existenz auseinander. Meines Erachtens sind die geneigten Leser gefordert Heideggers Fragen nachzuspüren: Denn solchermaßen erschließt sich die Pränotation, des Buches, dabei prostet uns Epikur schalkhaft zu. "Wie steht es um das Sein." (siehe dazu: Einführung i.d. Metaphysik, Tübingen 1953 oder Gesamtausgabe Ffm, Band 40 von 1987).

So schließen sich hier: philosophische Kreise, Wege, und Kehren, die sich seit ihren griechischen Anfängen mit drei maßgeblichen Ausprägungen menschlichen Daseins beschäftigen: Von der Vergangenheit herkommend ist ein "Geworfen sein"; in der Gegenwart, herrschen Sprache Rede und Schrift, erdachte Entwürfe stehen für die Zukunft, unüberholbar vom Tod begrenzt. Harald Seubert, Doktorvater, der gekonnt in die Arbeit mit einbezogen wurde, bestätigt es nochmals im Geleitwort: Detlev Reinke-Martin zeigt uns: wie er der wurde, was er ist und auch auf dem(n) Weg(en) auch erst lernte, wer er war. Die oftmals Symbol-didaktisch verschlüsselten Texte seiner Doktorarbeit luden mich zu stundenlangen Erkundungen "abenteuerlicher" Texte ein. Spuren hin zu bislang wenig Bedachtem, ob Abelard oder Heidegger, zu Bach oder durch ihn den Komponisten Michael Praetorius zu finden. Diese "Spur(en) ins Ungedachte" zu verfolgen bereichert ungemein. Allein dafür und seiner fulminanten Kenntnisse wegen empfiehlt es sich, dieses reizvolle Werk voller fulminanter Erkenntnisse unbedingt zu lesen.

Dipl. Religionspädagoge Ekkehard John, Passau


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