Wolfgang Pfüller

Ein Gott - eine Religion - eine Menschheit

Visionen und Illusionen

einer modernen Weltreligion

Rezension


In rasanter Geschwindigkeit hat sich Wolfgang Pfüller, Vorstandsmitglied im Bund für Freies Christentum, in das Thema "Bahai" eingearbeitet. Den Anfang bildet sein 2017 erschienener Aufsatz "Harmonie zwischen Religion und Wissenschaft? Glaube und Vernunft im (liberalen) Bahaitum", im von Werner Zager herausgegebenen Sammelband "Glaube und Vernunft in den Weltreligionen" (Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, S. 179-204). Dieser Aufsatz beruht auf Pfüllers Vortrag bei der Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum im Oktober 2016 in Hofgeismar. Inzwischen legt der evangelische Theologe im Traugott Bautz Verlag eine weitere Abhandlung im Geist "interreligiöser Theologie" vor, nach seinem Buch über Mohammed und Jesus (Nordhausen, 2. Auflage 2016, besprochen in Freies Christentum 5/2016, S. 135-138). Pfüller hat sich mit dieser jüngsten Weltreligion nicht nur durch die einschlägige Literatur vertraut gemacht, sondern auch durch Austausch mit prominenten, besonders kundigen deutschen Vertretern der Bahai, vor allem Udo Schäfer und Ulrich Gollmer.

Für freie Christen haben die Bahai den Anschein einer ausgesprochen liberalen Religion, in dieser Hinsicht den betont liberalen Unitariern ähnlich. Die Bahai begegnen als freundliche, warmherzige, kultivierte Menschen. Sie engagieren sich im Dialog der Religionen und betonen nicht die Unterschiede zwischen den Religionen, sondern ihren gemeinsamen Wesenskern - der dann freilich aus ihrer Sicht mit ihren eigenen Grundüberzeugungen identisch ist, was Pfüller als "Inklusivismus" (S. 70) und damit als Vereinnahmungsstrategie qualifiziert.

Pfüllers Darstellung ist auf weite Strecken so wohlwollend, dass man den Eindruck gewinnen kann, er sei dem Charme der Bahai erlegen. Dieser Eindruck täuscht allerdings. Als strenger Religionswissenschaftler hält er sich zunächst mit einem eigenen Urteil zurück, wendet aber mit Hilfe der "Rationalitätsstandards der kritischen Vernunft" die "Kriterien der Konsistenz und Kohärenz" an (S. 15 f.), um die Grundgedanken der Bahai zu gewichten. Das führt zu einer immanenten Kritik, bei der er die Widerspruchsfreiheit und den gedanklichen Zusammenhang der Bahai-Überzeugungen überprüft, sowie deren Übereinstimmung mit "bestens bewährten Erkenntnissen der Wissenschaften" (S. 16). Das Interesse Pfüllers ist systematisch-theologischer und religionsphilosophischer Art. So subsumiert er die Lehren der Bahai, wie es in dem Buchtitel heißt, unter den Gesichtspunkten "ein Gott", "eine Religion" und "eine Menschheit", bevor er dann eine "kritische Würdigung" vorlegt und mit einem "Ausblick: Reformbedürftigkeit und Reformfähigkeit" schließt.

Die Bahai-Religion wird als "moderne Weltreligionen" gewürdigt. Sie ist im Iran entstanden durch "Zwillingsoffenbarungen": 1844 des 1850 hingerichteten Bab (1819-1850) und 1863 Baha'ullahs (1817-1882), der als die bisherige Spitze aller Offenbarungen, aller göttlichen Manifestationen gilt. Eine "Weltreligion" ist sie, weil sie auf der ganzen Erde verbreitet ist, ungeachtet ihrer bislang geringen Mitgliederzahl von rund 8 Millionen. "Modern" ist sie auch, weil sie generell und nicht nur in etwaigen besonders liberalen, freisinnigen Flügeln eine Harmonie zwischen Religion und Wissenschaft vertritt, den Entwicklungs- und Fortschrittsgedanken bejaht und theologisch eine "fortschreitende Offenbarung" lehrt.

Umso mehr erstaunt der zentrale Gedanke dieser Untersuchung: Der "Anspruch auf Unfehlbarkeit" hat "offensichtlich im Bahaitum einen eminenten Stellenwert inne" (S. 157). "Die Crux des Bahai-Glaubens überhaupt" liegt "in ihrem Glauben an ihre unfehlbaren, heiligen Schriften" (S. 182). Dieser Anspruch wird auch von Pfüllers sachkundigen Bahai-Briefpartnern bestätigt. Natürlich übt Pfüller hier nicht nur theologische, sondern auch schon rationale Sachkritik: "Unfehlbarkeit, hier vor allem verstanden als Irrtumslosigkeit, ist mit einer kritischen Vernunft unvereinbar" (S. 157).

Unfehlbarkeit wird vor allem den zahlreichen, immer noch nicht vollständig erschlossenen Texten des Religionsgründers Baha'ullah zugeschrieben, sodann den Veröffentlichungen seines Sohnes Abdul Baha (1844-1921) und dessen Enkels Shogi Effendi (1897-1957), die Baha'ullahs "angeborene 'größte Unfehlbarkeit der göttlichen Manifestationen" (S. 111) mit ihrer ihnen "verliehenen Unfehlbarkeit" (ebd.) erläutern, systematisieren und aktualisieren. Auch das seit 1963 als höchste normative Instanz des Bahaitums fungierende "Universale Haus der Gerechtigkeit" in Haifa genießt Unfehlbarkeit, auch wenn es "keine unfehlbare Lehrautorität", kein "unfehlbares Lehramt" innehat (S. 186; 189; 192). Das soll wohl heißen, dass dieses oberste Leitungsgremium des Bahaitums die vorgegebenen unfehlbaren Lehren in unfehlbarer Weise hütet, schützt, bewahrt, aber keine neuen, über Baha'ullahs letztverbindliche Äußerungen hinausgehenden Lehren verkündet.

Als Konsequenz dieser Unfehlbarkeit sind die Bahai zu absolutem Gehorsam gegenüber den unfehlbaren Personen und Instanzen verpflichtet. Das passt freilich nicht zusammen mit dem von den Bahai auch vertretenen Gedanken einer unvoreingenommenen Wahrheitssuche. Bei dieser könnte man ja zu Einsichten kommen, die vom Glauben der Bahai abweichen. Es passt auch nicht zusammen mit der Unergründlichkeit des "Wesens Gottes", die den Bahai wichtig ist, einer Unergründlichkeit, die also auch die unfehlbaren Offenbarer nicht ergründen konnten. Schließlich passt die Unfehklbarkeit Baha'ullahs auch nicht zusammen mit dem Gedanken der "fortschreitenden Offenbarung", nach der auch die Baha'ullah geschenkte göttliche Manifestion noch gar nicht endgültig ist, auch wenn sie für mindestens tausend Jahre gelten soll. Mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit und dem hierarchischen Aufbau ihrer Gemeinde wollen die Bahai die "Einheit der Weltgemeinde" sichern, die aber ab einer wesentlich größeren Mitgliederbestand sowieso kaum zu garantieren wäre.

Innere Widersprüche finden sich auch in dem zunächst spontan einleuchtenden und für den religiösen Grundkonsens einer ganzen Religion ja wirklich ungewöhnlichen Gedanken einer Harmonie zwischen Religion und Wissenschaft. "Religion" ist hier doch der in seinem Wesenskern mit der Bahai-Religion identische Glaube. Und Baha'ullah lehnte die heute wissenschaftlich selbstverständliche Auffassung ab, dass sich die Menschen aus dem Tierreich heraus entwickelt haben, und vertrat demgegenüber eine Evolution der Menschen ausschließlich innerhalb der Menschenwelt.

"Dass die letzte, die höchste, eben die göttliche Wirklichkeit nur eine ist, dürfte ohne weiteres einsichtig sein" (S. 193). Hier pflichtet Pfüller den Bahai mit ihrem strengen Monotheismus bei. Dass die "Einheit und Einzigkeit Gottes" (S. 23) für die Bahai selbstverständlich ist, wird nicht kritisiert. Pfüller könnte freilich weiter fragen, nicht nur im Blick auf die Bahai, und jedenfalls aus Gründen der Klarheit, ob "Einheit Gottes" und "Einzigkeit Gottes" (S. 23; 51; 53; 59) genau dasselbe meinen oder ob das zwei etwas verschiedene Gesichtspunkte sind. Vor allem aber wäre die strikte Unterscheidung der Bahai zwischen unergründlichem "Wesen Gottes" und den "Eigenschaften und bloßer Existenz Gottes", die "erkennbar" seien (S. 43) , kritisch zu bedenken. Die Begegnung mit den Bahai und ihrem Gedankengut bietet für Christen also eine Fülle von Anregungen und Herausforderungen, wie dieses Buch zeigt.

Pfüller beschränkt sich in seinen eigenen Überlegungen zum Gottesverständnis nicht auf die monotheistischen Religionen. Er beschreibt "die göttliche Wirklichkeit als die alles umfassende und alles durchdringende Heilsmacht" (S. 161): "Wenn man den Gedanken des Nirwana als Ausdruck für die ewige, göttliche Wirklichkeit begreift, [] dann eröffnet sich nochmals eine neue Perspektive auf den Glauben an den einen, einzigen Gott. [] Die eine göttliche Wirklichkeit erscheint in diesem Zusammenhang demgegenüber als die unbedingte, ewige, alles, auch die diversen Götter, überragende Heilswirklichkeit, in der der Mensch, losgelöst von allen Verhaftungen an die eigene endliche, vergängliche Wirklichkeit, allein die Erlösung bzw. das Heil zu finden vermag" (S. 151). Damit ist Gott nicht personal, wohl aber transpersonal verstanden, Gott ist mehr als Person. Ferner ist Gott hier nicht "pantheistisch" verstanden, als mit allem identisch, wohl aber "panentheistisch", als alles umfassend, durchdringend und zugleich übersteigend.

Nur am Rand wendet Pfüller in seiner kritischen Würdigung des Bahaitums seine beiden "interreligiösen Kriterien" der "Heilsintensität" und "Heilsextensität" (S. 16) an. "Das Kriterium der Heilsintensität hebt vor allem auf die Dichte, die Nähe, die durchdringenden Manifestationen der göttlichen Wirklichkeit ab, die als die alles umfassende und alles durchdringende Heilsmacht begriffen wird" (161). Und hier sieht er Baha'ullah eher als "abgehoben", während sich Jesus den Menschen in ihrem Elend zugewandt habe (ebd.).

Hinsichtlich der "Heilsextensität" sieht Pfüller darin Defizite, dass das Bahaitum das "eschatische Heil" (gemeint ist wohl das künftige endgültige Heil) "nur als individuelles Heil (Unsterblichkeit der Seele), nicht aber auch in seiner gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Dimension in den alles umfassenden Horizont der Transzendenz stellt" (S. 182). Ich frage mich, ob das Kriterium der Heilsextensität hier angemessen zum Zug kommt, da den Bahai der Gedanke der "Einheit der Menschheit" eminent wichtig ist. Vielleicht ist beim Kriterium der Heilsextensität eher an den Bahai-Glauben an eine ständige Aufwärtsentwicklung der Geschichte hin zu einem irdischen Reich Gottes zu denken, zu dem die Bahai-Gläubigen mit ihrer inneren Gesinnung hinzuarbeiten haben, aber ohne sich selbst politisch zu betätigen. Wird damit auf eine in der Zukunft von selbst hereinbrechende Bahai-Theokratie gewartet? Vor allem aber: In ihrer geschichtlichen Fortschrittserwartung zeigen die Bahai einen Optimismus, der durch den Gang der Geschichte nicht gedeckt ist. "Visionäre Kraft" steht hier neben "illusionärer Schwäche" (S. 147).

Andreas Rössler


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