Jens Mattern gehört neben Bernhard Waldenfels, Stefan Orth und Margit Eckholdt zu den bekanntesten Ricoeur-Forschern in Europa. Mattern ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Franz-Rosenzweig-Research-Centers der hebräischen Universität zu Jerusalem. Er beschäftigt sich mit der Tradition des jüdischen Denkens, vor allem mit der französischen Gegenwartsphilosophie und der Hermaneutik. Zu den Arbeiten des französischen Philosophen Paul Ricoeur hat Mattern fundierte Einführungen verfaßt. Um Ricoeurs Werk zu verstehen, bedarf es einer kurzen Verortung von dessen Gedanken in die europäische Philosophiegeschichte.
Ricoeur gehört neben Jaspers und Max Scheler zu den innovativen europäischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, die eine unterschiedlich offene Theorie in Richtung Interkulturalität postuliert haben. Wie Ricoeur in seiner Autobiographie erwähnt, hat er insbesondere das späte Werk von Jaspers ein Leben lang geschätzt. Dies soll als Überwindung des philosophischen Eurozentrismus eines Husserls, Heideggers und Gedamers gelten. Jaspers spricht über seinen Plan einer 'Weltgeschichte der Philosophie' und beschreibt deren Gang 'vom Abendrot der europäischen Philosophie zur Morgenröte der Weltphilosophie'.
Während Jaspers die bisherigen Geschichtsschreibungen als bloße 'Lokalgeschichten' bezeichnet, die sich verabsolutieren, und einen neuen Entwurf der 'Weltgeschichte der Philosophie' vorlegt, geht Scheler von einem 'Weltalter des Ausgleichs' aus, um der nachkolonialen Umbruchsituation zu begegnen. Im Sinne dieser Ansätze weist Ricoeur restaurative Hermaneutiken zurück, die für ihn ein 'Moment des Verdachts' darstellen. Er hält die Unifizierung des 'Wahren' zwar für einen 'Wunsch der Vernunft', merkt aber an, dass ein solcher Versuch eine 'erste Fehltat, eine erste Gewaltsamkeit' bedeutet. Er plädiert für eine offene Hermaneutik, verbunden mit einer dialogischen Art anthropologischen Denkens, die im Kontext der Interkulturalität unverzichtbar ist. Das 'Gravitationszentrum' der Philosophie von Ricoeur umfaßt nicht nur Zeichen, Symbolik, Sprache und Deutung, sondern auch die Fragen nach der Freiheit des Menschen, nach dem menschlichen Handeln und nach dem Handelnden als Subjekt.
Im Vergleich zu Jaspers, der sich mit außereuropäischen Denksystemen in größeren Zusammenhängen beschäftigt, bewegen sich Ricoeurs Ansätze zwar im Rahmen der europäischen Philosophie, er bleibt aber offen, indem er jede Form von philosophischem Dogmatismus zurückweist. Insofern ist seine Philosophie und Hermaneutik für einen interreligiösen und interkulturellen Diskurs von Bedeutung.
Mattern bezeichnet Ricoeur als einen 'Denker des Zwischen' (24) und macht diese These zum zentralen Gegenstand seiner Studie. Diesen Versuch unternimmt der Verf. in drei wesentlichen Schritten, die in mehrfacher Hinsicht ineinandergreifen und aufeinander aufbauen.
Im ersten Abschnitt geht es um die grundlegenden Einstellungen und Perspektiven des Denkens Ricoeurs (31). Vor diesem Hintergrund soll vor allem gezeigt werden, wie ein Philosophieren zwischen kulturellem Gedächtnis und Universalitätsanspruch systematisch in einem dialektisch gedachten 'Zwischen' von Zugehörigkeit und Distanzierung gründet. Dabei macht der Verf. deutlich, dass diese Dialektik keinesfalls nur eine erkenntnistheoretische Position darstellt, sondern aufgrund ihrer sprachlichen Verfasstheit in der menschlichen Existenz selbst ihren Grund hat.
Der zweite Abschnitt ist der Dialektik von Identität und Alterität gewidmet (73). Die Offenheit von Ricoeurs Denken des 'Zwischen' findet ihre Begründung darin, dass die menschliche Identität hier derart konzipiert wird, dass sie sich durch verschiedene Charakteristika auszeichnet, die Identität von vornherein nicht als monolithisch, sondern als vielfältig ausweist.
Mit dem dritten Abschnitt wendet sich der Verf. solchen Texten zu, in denen Ricoeur auf Fragen und Probleme eingeht, die für das Projekt einer interkulturellen Philosophie fruchtbar gemacht werden können (127). Mattern behandelt Ricoeur im Kontext seines OEuvres und bezieht sich dabei verstärkt auf dessen frühe Arbeiten, welche die spätere Entwicklung seines Gesamtwerkes bereits in Ansätzen enthalten.
Ein zentrales Verdienst Matterns besteht darin, das Werk Ricoeurs für das Anliegen der Interkulturalität fruchtbar zu machen. Dabei ist es wohl zu weit gegriffen, Ricoeurs Werk für die Grundlage der interkulturellen Philosophie schlechthin zu betrachten. Trotz dieser Kritik bietet seine Studie eine gute Einführung in die Philosophie Ricoeurs, die für Ricoeur-Forschung richtungsweisend sein wird.
Hamid Reza Yousefi, Koblenz
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