Anne Schippling

Interkulturalität im Denken Theodor W. Adornos

Interkulturelle Bibliothek, Band 100

Rezension


Rezensionsvorwort für beide Bücher: Anne Schippling und Elke Wachendorff

In den geisteswissenschaftlichen Disziplinen vollzieht sich eine kulturwissenschaftliche Wende, welche die Methoden und Intentionen bestehender Kulturtheorien einer kritischen Diagnose unterzieht. Diese Neuorientierung stellt die inhaltliche Bestimmung des Kulturbegriffs auf den Prüfstand und leitet zugleich seine Transformation ein. Ihre Notwendigkeit bezieht diese Wende hauptsächlich aus der Entstehung und Entfaltung interkultureller Ausrichtungen und deren empirischen Forschungsfeldern.
Interkulturelle Philosophie ist keine neue Disziplin neben der traditionellen Philosophie. Als ihr Korrektiv ist sie eine theoretisch begründete und auf die Praxis zielende Haltung, um deren Gesichtsfeld zu erweitern. Denn sie blickt nach außen, und zwar nach allen Seiten, und fragt nach den Konsequenzen solcher Rundschau für die Zielsetzungen im Inneren. Philosophie ist per se interkulturell, kennt verschiedene Wege und trägt unterschiedliche Namen. Sie will ein Gespräch zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen, Kulturen, Religionen und Philosophien auf gleicher Augenhöhe herbeiführen.
Beschäftigt man sich mit Nietzsche- und Adornoforschung, so könnte man meinen, über diese beiden Denker sei in jeglicher Hinsicht geschrieben, promoviert und habilitiert worden. Inflationär wird beider Name in nahezu jedem Feuilleton-Artikel erwähnt, ganz gleich ob in passendem oder unpassendem Kontext. Die Frage nach der interkulturellen Dimension der Philosophien Nietzsches und Adornos ist aber bisher nicht gestellt worden.
In seinem bekannten Werk Also sprach Zarathustra entwickelte Nietzsche die Gedanken vom 'Übermenschen' als dem einzig wahren Menschen, vom 'Tod Gottes' und der 'Umwertung aller Werte', vom 'Willen zur Macht' und von der 'ewigen Wiederkehr des Gleichen'. Daß die Vereinnahmung Nietzsches durch den Nationalsozialismus aus dem gröblichen Mißverständnis einiger Schlagwörter, wie dem der 'blonden Bestie' bzw. 'dem Übermenschen', resultiert, ist in Fachkreisen bekannt.
Das Denken Adornos, der den Nationalsozialismus unmittelbat erlebte, ist bestimmt durch die Parteinahme für die Subjektivität sowie die Erfahrung der Dialektik der Aufklärung. Die Verstümmelung und Zurichtung des 'Nichtidentischen' bzw. des Fremden kritisch zu benennen, ist nach der Erfahrung des Nationalsozialismus ein zentrales Anliegen Adornos.
Elke Wachendorff und Anne Schippling unternehmen erstmals den Versuch, Nietzsche bzw. Adorno in den Kontext des Interkulturellen zu stellen und kommen dabei zu neuen Forschungsergebnissen.


Der Ausgangspunkt der Philosophie Adornos stellt ohne Zweifel Auschwitz, die organisierte Vernichtung fremder Kultur, dar. Adorno vesuchte in seinem Denken dem Bruch, welchen dieses Trauma im geschichtlichen Fortschrittsbewußtsein ausgelöst hat, weder auszuweichen, noch ihn zu überwinden. In radikaler Weise stellt er sich in seiner Philosophie diesem Trauma, um Kultur nach Auschwitz zu retten.

Schippling zeichnet die Entwicklungslinien nach, indem sie, ausgehend von Adornos Erfahrung als Vertriebener in der Emigration, verschiedene Eckpfeiler seines Denkens behandelt und deren Bedeutung im Horizont der interkulturellen Philosophie herausarbeitet. Die 'Dialektik der Aufklärung', welche aufzeigt, daß die Ursachen von Auschwitz in der Struktur einer ungebremsten, bewaffneten Vernunft selber zu suchen sind, nimmt eine zentrale Stellung ein. Weiterhin diskutiert die Verfasserin die Frage, in welcher Weise sich der Bruch im europäischen Aufklärungsbewußtsein, von dem die Dialektik der auklärerischen Vernunft zeugt, auf die Gesellschaftstheorie Adornos sowie auf dessen Überlegungen zur Bildung bzw. zu ethischen Fragen auswirkt.

Im Zusammenhang mit der Rationälität als negativer Dialekt bzw. der Frage, ob Philosophie und Kunst als 'Verbündete' für eine 'Vereinigung von Mimesis und Vernunft' zu sehen sind, setzt sich die Autorin mit Adornos Antwort auf die radikale Vernunftkritik der Dialektik der Aufklärung auseinander.

Adorno versucht durch eine Konzeption von "Rationalität als negativer Dialektik" das Nichtidentische innerhalb der Kategorien der Rationalität zu retten. Der Begriff des Nichtidentischen, der als zentral in der Philosophie Adornos gilt, verweist auf dasjenige, welches aus der reinen Indentität der Begriffe, die im Hegelschen System der Philosophie ihren Höhepunkt findet, herausfällt: das zu diesen Begriffen Fremde. Hierzu ist anzumerken, daß wir nicht von einem hypostasierten Fremden ausgehen können, wie dies bei der Indentitätsphilosophie Hegels der Fall ist.

Schippling arbeitet verschiedene Dimensionen des Begriffs des Nichtidentischen heraus und stellt dar, in welcher Weise dieses in der Konzeption von "Rationalität als negativer Dialektik" Adornos seinen Ausdruck findet, wobei die Philosophie für den Ausdruck des Nichtidentischen der Kunst bedarf. Auf der Grundlage einer Rationalitätskonzeption, die das Fremde als mimetisches Element in sich aufnimmt, versucht Adorno Kultur nach Auschwitz zu retten.

Zentral wird hier der Kulturbegriff im Denken Adornos. Europäische Kultur, in besonderem Maße die Philosophie, die von einem eurozentrischen Selbstverständnis geprägt ist, hat aufgrund ihres Zwangs zur Identität das zu ihr Nichtidentische, das ihr Fremde, innerhalb ihrer Kategorien nicht als gleichberechtigt gesehen. Adorno kritisiert diese eindimensionale Sichtweise. Er entwickelt einen Begriff von Differenz, der erlaubt, das Fremde in seiner Fremdheit als gleichberechtigten Partner wahrzunehmen, eine Bedingung, unter der Kultur nach Auschwitz überhaupt noch vorstellabr ist.

In dieser Hinsicht gewinnt das Denken Adornos grundlegende interkulturelle Relevanz. Zentral wird für die Verfasserin: "In Adornos Versuch, Kultur durch die Anerkennung des Nichtidentischen innerhalb des eigenen Horizontes zu retten, liegt seine Bedeutung für die interkulturelle Philosophie." Dementsprechend zeigt die Verfasserin auf, in welcher Weise sich die Interkulturalität in der Philosophie Adornos auf der Grundlage seiner Kritik an der Systemphilosophie, insbesondere an der Philosophie Hegels, entwickelt. In diesem Rahmen thematisiert sie die Bedeutung der interkulturellen Dimension der Philosophie Adornos für das französische Differenzdenken am Beispiel der Philosophie Michel Foucaults und Jean-Francois Lyotards.

Wenn wir beide Studien zusammenfassen wollen, so läßt sich folgendes feststellen: Es ist evident, daß das vorgegebene Format des Taschenbuches es nicht erlaubt, auf alle Dimensionen eines Denkers in ausführlicher Form einzugehen. Dennoch ist es den beiden Autorinnen gelungen, in gebotener Kürze die zentralen interkulturellen Dimensionen Nitzsches und Adornos erstmals herauszuarbeiten und dadurch den Weg zu weiteren Forschugen zu ebnen. Insofern lassen sich beide Darstellungen als hervorragende Einführungen in das Thema betrachten.

Hamid Reza Yousefi, Trier


Copyright © 2005 by Verlag Traugott Bautz