Elke Angelika Wachendorff

Friedrich Nietzsche. Denker der Interkulturalität

Interkulturelle Bibliothek, Band 88

Rezension


Rezensionsvorwort für beide Bücher: Anne Schippling und Elke Wachendorff

In den geisteswissenschaftlichen Disziplinen vollzieht sich eine kulturwissenschaftliche Wende, welche die Methoden und Intentionen bestehender Kulturtheorien einer kritischen Diagnose unterzieht. Diese Neuorientierung stellt die inhaltliche Bestimmung des Kulturbegriffs auf den Prüfstand und leitet zugleich seine Transformation ein. Ihre Notwendigkeit bezieht diese Wende hauptsächlich aus der Entstehung und Entfaltung interkultureller Ausrichtungen und deren empirischen Forschungsfeldern.
Interkulturelle Philosophie ist keine neue Disziplin neben der traditionellen Philosophie. Als ihr Korrektiv ist sie eine theoretisch begründete und auf die Praxis zielende Haltung, um deren Gesichtsfeld zu erweitern. Denn sie blickt nach außen, und zwar nach allen Seiten, und fragt nach den Konsequenzen solcher Rundschau für die Zielsetzungen im Inneren. Philosophie ist per se interkulturell, kennt verschiedene Wege und trägt unterschiedliche Namen. Sie will ein Gespräch zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen, Kulturen, Religionen und Philosophien auf gleicher Augenhöhe herbeiführen.
Beschäftigt man sich mit Nietzsche- und Adornoforschung, so könnte man meinen, über diese beiden Denker sei in jeglicher Hinsicht geschrieben, promoviert und habilitiert worden. Inflationär wird beider Name in nahezu jedem Feuilleton-Artikel erwähnt, ganz gleich ob in passendem oder unpassendem Kontext. Die Frage nach der interkulturellen Dimension der Philosophien Nietzsches und Adornos ist aber bisher nicht gestellt worden.
In seinem bekannten Werk Also sprach Zarathustra entwickelte Nietzsche die Gedanken vom 'Übermenschen' als dem einzig wahren Menschen, vom 'Tod Gottes' und der 'Umwertung aller Werte', vom 'Willen zur Macht' und von der 'ewigen Wiederkehr des Gleichen'. Daß die Vereinnahmung Nietzsches durch den Nationalsozialismus aus dem gröblichen Mißverständnis einiger Schlagwörter, wie dem der 'blonden Bestie' bzw. 'dem Übermenschen', resultiert, ist in Fachkreisen bekannt.
Das Denken Adornos, der den Nationalsozialismus unmittelbat erlebte, ist bestimmt durch die Parteinahme für die Subjektivität sowie die Erfahrung der Dialektik der Aufklärung. Die Verstümmelung und Zurichtung des 'Nichtidentischen' bzw. des Fremden kritisch zu benennen, ist nach der Erfahrung des Nationalsozialismus ein zentrales Anliegen Adornos.
Elke Wachendorff und Anne Schippling unternehmen erstmals den Versuch, Nietzsche bzw. Adorno in den Kontext des Interkulturellen zu stellen und kommen dabei zu neuen Forschungsergebnissen.


Wachendorff sieht insbesondere die wenig beachteten Texte aus Nietzsches zehn 'Philologenjahren' als fruchtbar an, um der Entwicklung seiner philosophischen Neigung und Ausrichtung auf den Grund zu gehen. Um die Dimensionen des Interkulturellen im Denken Nietzsches herauszuarbeiten, stützt sie sich deshalb nicht nur auf die philosophischen Beobachtungen und Reflexionen, sondern auch auf die philologischen Schriften Nietzsches.

Bei dieser Rekontextualisierung wird Nitzsches Denken einerseits im Hinblick auf dessen wesentliche Fokussierung auf Wahrnehmungs-, Interpretations- und Reflexionsmodi aufgezeigt, welche aus differierenden, pädagogisch vermittelten Kompetenzen, Konditionierungen und Erfahrungen entwachsend, die unterschiedlichen "Weisen der Welterzeugung" (Nelson Goodman) bedingen. Diese sind andererseits bestimmend für die Diversitäten persönlicher Kommunikationskompetenzen und -fähigkeiten in intrakultureller und interkultureller Hinsicht. Diese Gedankenentwicklung findet ihren Ausdruck in altphilologischen, ethnologischen, orientalistischen, kulturhistorischen und archäologischen Diskursen Nietzsches.

Aus dem Vergleich historischer Kulturen entwickelt Nitzsche eine komparative Typologie unterschiedlicher Entwicklungsmuster, um die entscheidenden Grundparameter und Weichenstellungen ihrer Divergenz darzustellen. Anzumerken ist, daß ihm die griechische Antike als Modell einer einzigen geglückten Kultur gilt, die in seinem Denken, trotz eines offenen Kulturbegriffs, wirksam bleibt.

Auf einer zweiten Ebene wird die Fortentwicklung der Gedanken im Entwicklungsrahmen von Nietzsches Werk verfolgt: von den grundsätzlichen Beobachtungen und Reflexionen, über die phänomenologische, meist "positivistisch" genannte Phase entsprechend strukturanalytischer Kulturkritik, bis zu den Entwürfen für eine neuerliche produktive Kulturentfaltung mit und seit dem umstrittenen Zarathustra.

Nietzsche formuliert unter dieser Perspektive den Modus des Kulturvergleichs auch als Aufgabe für eine Kultur der Zukunft. Hierzu hatte er in seiner altphilologischen dominierten Zeit die Parameter und Kategorien seines kulturkritischen Denkens bereits entwickelt. Von Zentraler Bedeutung wird hier, wie ein solcher Vergleich produktiv werden kann, ohne zu nivellieren oder zu banalisieren.

Die Verfasserin beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, ob die Philosophie Nitzsches Leitlinien vermitteln kann zur fruchtbaren Gestaltung der vielfältigen Diskurse interkultureller Begegnungen innerhalb eines expandierenden Europas und einer zunehmend globalen Welt. Angesichts der multimedialen Vernetztheit und Verfügbarkeit ist die Frage nicht zu umgehen, welche Kompetenzen für deren Bewältigung zu entwickeln sind. Wachendorff suchte eine Antwort bei Nitzsche und wirft damit ein neues Licht auf dessen Werk. Nietzsches zentrale Botschaft wird von der Verfasserin darin gesehen, daß Kultur, genauer genommen Kulturen, schon immer von Interdependenzen geprägt und stets dynamisch und nicht statisch waren. Für Nietzsche stehen "Rück-sicht, Nach-sicht und Vor-sicht" im Vordergrund, die als Kompetenzen der Intensität und Aufmerksamkeit und der Reflexivität einer Denk- und Lebenshaltung anzusehen sind.

Hamid Reza Yousefi, Trier


Copyright © 2006 by Verlag Traugott Bautz