Peter Volek (Hg.)

Husserl und Thomas von Aquin bei Edith Stein

AD FONTES
STUDIEN ZUR FRÜHEN PHÄNOMENOLOGIE Band 2

Rezension


Der Band "Husserl und Thomas von Aquin bei Edith Stein" geht zurück auf eine gleichnamige Tagung, die im November 2011 an der Katholischen Universität Ružomberok in der Slowakei stattgefunden hat. Mit Husserl und Thomas widmet er sich jenen beiden herausragenden Denkern des 13. und 20. Jahrhunderts, mit denen sich Stein in besonderer Weise verbunden fühlte und die für ihr eigenes Philosophieren von großer Bedeutung waren. So schreibt Stein z.B. in "Der Aufbau der menschlichen Person", dass sie in methodischer Hinsicht "die Sachen selbst ins Auge fassen", d. h. phänomenologisch arbeiten möchte, während sie sich "in der Wahl der Probleme" vom Aquinaten leiten lassen möchte (ESGA 14, S. 28). Erinnert sei auch daran, dass sie, in guter philosophischer Tradition, einen Dialog verfasst hat, in dem sie Husserl und Thomas miteinander über verschiedene Themen (wie z.B. Philosophie als strenge Wissenschaft, theozentrische und egozentrische Philosophie, Ontologie und Metaphysik) diskutieren lässt (vgl. ESGA 9, S. 91-118), was das Anliegen Steins sehr schön veranschaulicht: "moderne" und "mittelalterliche" Philosophie in einen Austausch zu bringen, für eine Begegnung von Phänomenologie und klassischer Metaphysik Sorge zu tragen.

Herausgegeben wurde der Tagungsband von Peter Volek. Der Band wurde in die noch junge Reihe "AD FONTES - Studien zur frühen Phänomenologie" aufgenommen und versammelt zehn Beiträge, die von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, René Raschke, Barbara Simoni?, Francesco Alfieri OFM, Christof Betschart OCD, Peter Volek, Anna Jani, Jozef Uram, Józef Kormos und Elisabeth Donabaum verfasst wurden. Hinsichtlich Umfang und Qualität sind die Beiträge ziemlich disparat. Gerl-Falkovitz beleuchtet in ihrem grundlegenden Beitrag (S. 12-34) unterschiedliche Bezüge Steins auf sowie Abgrenzungen von Husserl, ihre denkerische Entfaltung über Husserls Ichdenken und das Seinsdenken des Aquinaten hin zum Denken aus der Relation in den Spuren von Augustinus. Raschkes Beitrag (S. 35-51) stellt Steins Frühwerk, insbesondere ihre Auseinandersetzungen mit dem Naturalismus, Psychologismus, Historismus und Neukantianismus, in das Zentrum seiner Überlegungen. Anschaulich legt er dar, dass es Stein - anders als Husserl - weniger um die Ausarbeitung und philosophische Fundierung der Phänomenologie selbst ging als um den konkreten Bezug der Phänomenologie auf die Wissenschaften. In ihrem Beitrag "How to comprehend the other?" geht Simoni? (S. 52-73) auf das Verständnis von Einfühlung in Steins Promotionsschrift ein und schlägt ausgehend davon einen Bogen zur religionsphilosophischen Frage, ob Einfühlung in Gott möglich sei. Francesco Alfieri und Christof Betschart thematisieren aus unterschiedlichen Blickwinkeln Steins Verständnis der menschlichen Individualität: Alfieri (S. 74-113) stellt zur Frage nach dem Individuationsprinzip im steinschen OEuvre Bezüge zur skotischen wie thomasischen Tradition her und zieht Verbindungslinien zu den Bernauer Manuskripten Husserls. Er vertritt die These, Skotus habe Husserl und die ihm folgenden Philosophen maßgeblich beeinflusst. Betschart (S. 114-131) legt den Fokus auf das achte Kapitel von "Endliches und ewiges Sein", wo sich Stein mit damals gängigen Interpretationen der "materia signata quantitate", also des Individuationsprinzips, auseinandersetzt und eine eigene Antwort hierzu vorlegt. Volek (S. 132-149) arbeitet in seinem Beitrag das Verständnis des freien Aktes bei Stein und Thomas heraus. Deutlicher als der Aquinate unterscheide Stein die Ereigniskausalität in den Naturwissenschaften von der Handlungskausalität. Jani (S. 150-170) geht zunächst auf die phänomenologische Methode, die sich Stein zu eigen macht, sowie ihre Beschäftigung mit der Frage nach dem Sein ein. In einem zweiten Schritt beleuchtet sie die Begriffsbildung in "Potenz und Akt" sowie der hieraus hervorgegangenen Schrift "Endliches und ewiges Sein", um aufzuzeigen, dass Stein weder ihre Fragestellung noch Methode änderte. Insofern es im Umfeld Husserls nicht wenige Konversionen und Hinwendungen zum Glauben gegeben hat, diskutiert Uram (S. 171-187) in seinem Beitrag die Frage, ob der Grund dafür in der Philosophie Husserls selbst liegen könnte. Kormos und Donabaum gehen auf erziehungsphilosophische Gedanken bei Stein ein, wobei insbesondere beim letzten Beitrag ("Lernen - unter den Bedingungen der Globalisierung") der Bezug zum Thema des Tagungsbandes nicht immer klar ist.

Der Band greift ein für die Stein-Forschung wichtiges Thema auf, worin auf jeden Fall sein Verdienst liegt. Wichtige Verhältnisbestimmungen werden diskutiert, neue Aspekte und Forschungsfragen angesprochen. Leider werden jedoch Steins Übersetzungen des Thomas von Aquin nicht in einem eigenen Beitrag gewürdigt. Gewinnbringend wäre es auch gewesen, wären die Bezüge zu anderen Ansätzen der Philosophischen Anthropologie der 20er und 30er Jahre stärker herausgestellt worden. Dem Tagungsband hätte in mehrfacher Hinsicht eine gründliche Endredaktion gutgetan. Sprachliche Ungenauigkeiten und Fehler hätten geglättet werden müssen. Leider wird nicht überall nach der ESGA zitiert, sondern auch nach ESW. Zu überlegen wäre gewesen, ob statt der Harvard-Zitierweise (Kant 1905; Stein 2002a; Stein 2002b) nicht die Angabe der verschiedenen ESGA-Bände bzw. die Verwendung der in der Stein-Forschung üblichen Siglen sinnvoller gewesen wäre. Zum Zeitpunkt der Tagung (2011) lagen ESGA 9, wo u.a. einschlägige Texte wie der Aufsatz "Husserls Phänomenologie und die Philosophie des Thomas von Aquino" (S. 119-142), dessen als philosophischer Dialog angelegte Vorgängerversion "Was ist Philosophie? Ein Gespräch zwischen Edmund Husserl und Thomas von Aquino" (S. 91-118) oder auch die "Diskussionsbeiträge anläßlich der "Journées d'Études de la Société Thomiste", Juvisy (1932) (S. 162-167) zu finden sind, wie auch ESGA 27 mit Übersetzungen und Exzerpten Steins aus dem thomasischen Schriftcorpus noch nicht vor. Zur Publikation des Tagungsbandes (2016) lagen diese Bände der Gesamtausgabe allerdings dann doch bereits zwei bzw. drei Jahre vor (ESGA 9: erschienen 2014; ESGA 27: erschienen 2013), weshalb es unbefriedigend ist, wenn darauf nicht Bezug genommen und die Veröffentlichung von ESGA 27 sogar noch in Aussicht gestellt wird (vgl. S. 116).

Marcus Knaup


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