Thomas Nawrath, Philipp W. Hildmann (Hrsg.)

Interkultureller Dialog und Menschenrechte

Studien zur Interkulturellen Philosophie 20

Rezension


Im ausgehenden "Jahr des interkulturellen Dialogs", das von der Europäischen Union für 2008 ausgerufen wurde, fand eine interdisziplinäre Tagung der Münchner Hochschule für Philosophie SJ und der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung statt; der vorliegende Band enthält die überarbeiteten Vorträge dieser Tagung sowie weitere Beiträge. Die insgesamt zehn Aufsätze setzen sich von unterschiedlichen Perspektiven her mit dem "Verdacht" auseinander, der Anspruch universaler Geltung der Menschenrechte sei letztlich "ein illegitimes ›kulturimperialistisches‹ Projekt - oder innenpolitisch gewendet: ein Versuch leitkultureller Hegemonie" (S. 9), so die Herausgeber in ihrer Einleitung. Ist also die Berufung auf Menschenrechte tatsächlich von einem "subtilen Kolonialismus" (S. 10) getragen? Die Beiträge dieses Sammelbandes gehen auf vielfache Einwände, Probleme und interkulturelle Spannungen ein, was den Geltungsanspruch der Menschenrechte betrifft, bekennen sich aber durchgehend dazu, diesen als universal anzusehen.

Thomas Nawrath etwa unterscheidet ein inhaltliches "Universalismus-Dilemma" (S. 15), das zwischen "universalistischen" und "nichtuniversalistischen " Kulturen keine Dialogmöglichkeit erkennt, und ein methodisches "interkulturelle[s] Dilemma" (S. 16), das verbindliche Aussagen über Kulturen entweder als nicht differenzempfindlich oder als nicht wissenschaftsfähig ansieht. Michael Reder charakterisiert die Spannung zwischen Universalität und Partikularität, was die Menschenrechtsfrage betrifft, als Vermittlung zwischen "dünner " und "dichter" Moral: "Menschen sind also Teil dichter Moralgemeinschaften und gleichzeitig auch Teil der Weltgemeinschaft, die durch eine dünne Moral gekennzeichnet ist, wobei dichte und dünne Moralvorstellung in einem Wechselverhältnis stehen" (S. 34). Ulrich Gaier stellt vier Strategien Johann Gottfried Herders zur Lösung interkultureller Probleme vor: Kompensation - im Sinn einer "Aneignung der geschwächten und unentwickelten Eigenschaften mit dem Ziel, die Vollständigkeit und volle Stärke der welterschließenden Vermögen und die Disponibilität der Ausdrucksformen zu gewinnen, wie die Weltkulturen sie boten" (S. 50) -, Konfrontation, Rekonstruktion und Reduktion, "um damit eine transkulturelle Quelle zu erfassen, aus der alle Kulturen entspringen und die Grundelement jeder Kultur ist" (S. 52). Nach Hölderlin, so Gaier, sei Interkulturalität ein zutiefst humaner Impuls; Humanität bestehe "im fortgehenden Prozess der Erlernung des freien Umgangs mit dem angeeigneten, d. h. für sich rekonstruierten Fremden, und dem noch schwereren Prozess der Erlernung des freien, Identität und Differenz, Nähe und Distanz vereinigenden Umgangs mit sich selbst und der eigenen Kultur" (S. 58).

Norbert Brieskorn geht auf inhaltliche Einwände gegen die universale Geltung der Menschenrechte ein; er benennt die Schwierigkeit vieler, mit der abstrakt empfundenen Größe "Mensch" umzugehen; die Kritik an der "zentrale[n] Rolle des subjektiven Rechts" (S. 71), die oft als selbstverständlich vorausgesetzte Größe der rechtsstaatlichen Demokratie und das kulturell unterschiedlich angesetzte Verhältnis von Menschenpflichten und Menschenrechten. Das Resümee Brieskorns ist trotz des Eingeständnisses, dass manche europäischen Vorstellungen von "Universalität" zu wenig kontextsensibel sind, unmissverständlich: "Menschenrechte sind […] nicht zu gewähren, sondern zu gewährleisten"; diese Gewährleistung aber hängt "nicht von irgendeiner Leistung, Vorleistung oder bloßem Wohlverhalten ab", sondern gebührt "schlichtweg dem Menschen, ohne Wenn und Aber" (S. 78). Die viel diskutierte Frage nach dem Verhältnis von religiösen und säkularen Menschenrechtsbegründungen greift Richard Heinzmann auf; er betont, dass der Mensch niemals zur Disposition gestellt werden darf: "Die Menschenrechte, zu denen unablösbar Gewissens- und Religionsfreiheit zählen, implizieren, dass der Wahrheitsanspruch einer Religion hinter das Recht des Menschen zurücktreten muss" (S. 93). Markus Kotzur geht explizit auf die Universalitätsdebatte ein und verdeutlicht, "dass es nicht primär um eine rein naturhaft vorgefundene, naturrechtlich vorgegebene Universalität geht - so wichtig diese als Fiktion und philosophisches Erklärungsmodell bleibt"; sie ist vielmehr "eine kulturelle Leistung aller beteiligten […] Akteure" (S. 96). Von daher sei die Universalität der Menschenrechte nicht als "specificum Europaeum" (S. 103) zu begreifen; sie bestehe "vielmehr in elementaren Bedürfnissen, Unrechtserfahrungen und Gefährdungen des Individuums - sei es als Individuum oder in kollektiver Gebundenheit - die der gesamten Menschheit ohne Rücksicht auf kulturelle, wirtschaftliche und politische Besonderheiten gemeinsam sind" (S. 104). Auch Elmar Nass setzt sich in seinem Beitrag, der allerdings einige polemische Abgrenzungen vornimmt, von kulturalistischen Positionen ab: "Wenn Menschenrechte auch material universal gültig sein wollen, dürfen sie nicht Opfer verabsolutierter kultureller Differenzen und nationaler Identitäten sein" (S. 125). Die drei letzten Beiträge dieses Bandes beleuchten ausdrücklich die Rolle von Religionen: Sarah Lohmann reflektiert Stellungnahmen von Evangelikalen zur Politik von George W. Bush; Mathias Rohe arbeitet islamische Positionen zu den Menschenrechten heraus, ebenso wie Christoph Böhr, der allerdings zwischen einem "islamischen" und einem "europäischen Kulturkreis" (S. 175) in einer Weise unterscheidet, die einige Fragen aufwirft - nicht zuletzt jene, wozu dann etwa der europäische Islam zählt.

Natürlich kann dieser Band nur einzelne Aspekte der komplexen und kontroversen Frage nach dem Verhältnis von interkultureller Diversität und universaler Geltung der Menschenrechte behandeln - und dies mit durchaus unterschiedlicher Problemwahrnehmung, was die einzelnen Beiträge betrifft. Insgesamt vermittelt dieser zwanzigste Band der "Studien zur Interkulturellen Philosophie" wichtige grundsätzliche Einsichten in eine der nach wie vor drängendsten Herausforderungen, was interkulturelle Philosophie und internationale Politik betrifft.

Franz GmainerPranzl
polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 28 Seite 116-118


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