Andreas Lukas

Cusanus Rechts- und Staatsdenken

in der Vorrede zu Buch III der "Concordantia catholica"
Mit Übersetzung der wichtigen Passagen


Rezension

In einer charmanten Miniatur, die aus einer Hauptseminararbeit bei Prof. Dr. Gerhard Krieger hervorgegangen ist, beschäftigt sich Andreas Lukas mit dem Rechtsund Staatsdenken von Nikolaus von Kues, das häufig wenig beachtet wird.

Als Referenztext dient das Prooemiam zu Buch III der "Concordantia catholica". Prägnant und schlüssig wird zunächst die nachträgliche Entstehung dieser Passage, nämlich erst nach Fertigstellung der drei Bücher der "Concordantia catholica", dargelegt. Im Anschluss dazu wird nachvollzogen, wie sich Herrschaft im Staat nach der von Cusanus vertretenen Auffassung zu legitimieren hat und welche Rahmenbedingungen hierfür von Bedeutung sind. Zu beeindrucken vermag vor allem die Schilderung, wie Cusanus unter konkreter Bezugnahme auf Christus seine theoretischen Überlegungen begründet. Aber sehr aufschlussreich sind auch die Darlegungen von Cusanus' Haltung zu einem Widerstandsrecht gegen die staatliche Ordnung. Auch die cusanische Straftheorie wird behandelt: Sie basiert zwar auf dem Talionsprinzip, aber dennoch wird in ihr subjektive Schuld berücksichtigt - worin ein differenziertes und modernes Menschenbild zum Ausdruck kommt, das sich auch andernorts in diesem Prooemium finden lässt, wenn Freiheit und (rechtliche wie tatsächliche) Zustimmungsfähigkeit des einzelnen betont werden.

Die Bedeutung des Prooemiums erschöpft sich nicht darin, eine über Marsilius von Padua vermittelte Aristoteles-Rezeption zu sein. Im letzten Teil versucht Lukas auch eine Fruchtbarmachung der darin enthaltenen politischen Leitlinien für den zeitgenössischen politischen Prozess: Sie können auch heute noch Vorbild sein für das, was als Subsidiaritätsprinzip ein Grundpfeiler aller kontemporären basisdemokratischen Bestrebungen sei, ebenfalls böte das Prooemium auch einen reichen Fundus an moralischer Orientierung für den gemeinen Berufspolitiker.

Der junge Autor hat mit seinem Büchlein nicht nur eine unterschätzte Stelle eines häufig vernachlässigten Textes von Nikolaus von Kues in den Mittelpunkt gestellt, sondern auch Brücken geschlagen zwischen der politischen Philosophie des 15. Jahrhunderts und der europäischen Integration, zwischen staatsphilosophischen Grundlegungen und der politischen Realität. Weitere Beiträge von Andreas Lukas wären eine große Bereicherung für diesen interdisziplinären Dialog und zu begrüßen, um eine breite Rezeption cusanischer Philosophie voranzutreiben und um seine eigene sprachlich-stilistische Weiterentwicklung zu beobachten. Dabei sei gerade auch dem Leser, der soeben erst beginnt sich mit Cusanus zu beschäftigen die Lektüre besonders ans Herz gelegt.

Sonja Stadler, Trier


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