Gisela Dischner

Die Laute der Liebe

Aufsätze


Aus dem Vorwort

Die hier versammelten Aufsätze und Vorträge aus drei Jahrzehnten sind unter drei Schwerpunkten ausgewählt: Lachen, Liebe und Müßiggang. Sie sind aufeinander bezogen.

Im Versuch über das Lachen habe ich die ambivalente Struktur des Lachens untersucht, wobei ich das Lachen aus Überlegenheit mit dem subversiven Lachen konfrontierte: dem befreienden Lachen. Letzterem galt meine besondere Aufmerksamkeit. Das überlegene Lachen, das der Anpassung dient und den Unangepassten der Lächerlichkeit preisgibt, ist von Henri Bergson erschöpfend beschrieben worden (Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen, Zürich 1972).
Dass das Lachen in früheren Zeiten ein Privileg der Herrschenden war, ähnlich dem Lachen der über die Unzulänglichkeit der Menschen lachenden Götter, verbunden mit einem Lachverbot für die niederen Stände, zeigt seine subversive Wirkung: Sie wurde neutralisiert, indem zu bestimmten Festen (von den antiken Dionysien über die römischen Saturnalien bis zum Karneval) das Lachen erlaubt war - mit ihm das Lächerlichmachen der Herrschenden, wie wir das noch heute auf den Karnevalsumzügen beobachten können. Diese Auszeit des Lachens war immer streng getrennt von der Zeit der Arbeit, in der es bis heute wenig zu lachen gibt: Erst kommt die Arbeit, dann kommt das Vergnügen. Zum Vergnügen gehören Liebe und Müßiggang.

In meinem Plädoyer für die Kunst des Müßiggangs versuche ich nachzuweisen, dass durch die "Revolution der Mikroprozessoren" ein Paradigmenwechsel stattfindet: von der Welt der Arbeit hin zu einer Welt der Muße, die durch die herrschende Logik der Profitmaximierung nicht mehr langfristig verhindert werden kann; die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise hat diese Logik ad absurdum geführt. Lachen und Liebe werden durch die Möglichkeit zum Müßiggang in ihren befreienden und humanisierenden Wirkungen erkannt werden. Bei einer gerechteren Verteilung der Arbeit würde es keine Arbeitslosen mehr geben. Mein Vorschlag von 1986 Drei-Tage-Woche für alle ist ein erster Schritt auf dem Weg der Befreiung zu Liebe, Lachen und Müßiggang.

Der Rückblick auf die Liebesphilosophie in der Renaissance und die Liebesphilosophie im achtzehnten Jahrhundert erhellt den Kampf um Freiheit, Glück und menschliche Würde in verschiedenen geschichtlichen Phasen. Dass beispielsweise tragische Helden und Heldinnen in Liebeskonflikten nur aus den "höheren Ständen" kommen konnten - bis zum ersten bürgerlichen Trauerspiel in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts - Lessings Miss Sara Sampson - zeigt, wie die komischen und lächerlichen Figuren der Komödie mit den unterdrückten "niederen" Ständen assoziiert wurden. Über sie lachten die Herrschenden.
Comedy is tragedy plus time lacht heute Woody Allen.


Copyright © 2009 by Verlag Traugott Bautz